Wundersame Wieskirche in zauberhafter Landschaft
Die Wieskirche gilt als eines der vollkommensten Kunstwerke des bayerischen Rokoko. Die weltbekannte Brücke zum Himmel „zum Gegeißelten Heiland auf der Wies“ ist UNESCO-Welterbestätte seit 1993.

Die Wieskirche bei Steingaden, ein „Rokokojuwel im Pfaffenwinkel“
© Tourismusverband Pfaffenwinkel
Am Fuße der Alpen schufen geniale Künstler das, was die kunstgeschichtliche Literatur das „Raum-Wunder“ der Wies nennt: Die Wieskirche, eine spezifisch bayerische Rokokoarchitektur (1745-54). Inmitten einer einsamen Gegend auf einer kleinen Wiesenanhöhe, von Weitem gut sichtbar, lockt diese Kirche Millionen Besucher an, und erst recht, nachdem am 14. Juni 1738 die Wieshofbäuerin Maria Lori an der Figur des Gegeißelten Heilands Tränen gesehen hatte, was diese Kirche zur größten Wallfahrtskirche des 18. Jahrhunderts werden ließ. Atemberaubend sind die Architektur und die Ausstattung der Kirche, zugleich ein beeindruckendes theologisches Programm von Leid, Buße und Erlösung in einem ungewöhnlich prachtvollen, lichtdurchfluteten Gotteshaus. Ein erster Blick von der Schwelle her beweist: hier vereinigen sich Architektur, Bild und Stuck zu einem festlichen Kunstwerk. Das Gnadenbild und wird die „Brücke zum Himmel“ in einer Landschaft wie „im Garten Eden“, mit blühenden Bauerngärten hier im Pfaffenwinkel, wo in den traumhaft schönen Höfen die Menschen von allen Herrlichkeiten auf Erden träumen dürfen – und das seit langer Zeit.
Und weil hier die Faszination vergangener Jahrhunderte lebendig und hautnah spürbar ist, erhielt die Wieskirche im Pfaffenwinkel – weil Geschichte Geschenk und Vermächtnis sind – vor 15 Jahren, also 1983, die internationale Auszeichnung von den Vereinten Nationen: Sie wurde in die Liste der Denkmäler aufgenommen, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören!

Das Gnadenbild des Gegeißelten Heilandes, die
„wunderbare Gnadenblum auf der Wiß“ zieht Millionen
von Wallfahrern alljährlich an. Sie war der Grund für
den Kirchenbau. © Tourismusverband Pfaffenwinkel
Doch wo sind die Wurzeln und wie kam es dazu?
Ein spannender Rückblick mit einer Verkettung von Ereignissen macht eine Zeitreise über neun Jahrhunderte notwendig, als Norbert von Xanten, geboren um 1080 als Sohn einer vornehmen Familie, ein fast ähnliches Erlebnis erfuhr wie einst der Apostel Paulus. Ein Blitz schleuderte ihn vom Pferd, und eine Stimme fragte ihn: „Norbert, wohin gehst Du?“ Von da an suchte er Gott mit seinen neuen Idealen: Armut, Reinheit, Frömmigkeit und Gehorsam. Er suchte einen einsamen Ort für seinen neuen Orden in einem abgelegnen Tal. Das waren die Wurzeln des Prämonstratenser-Ordens in Prémonté, wo ihm der Legende nach auf einer Wiese, umgeben von Sümpfen und Mooren, Christus in Gestalt seines schmerzlichen Leidens am Kreuz erschien. In jenem unwegsamen Tal von Laon gründete er Weihnachten 1120 den Praemonstratenser-Orden nach Abt Maianus Mayr, eine Klosterkirche in Prémontré, eine Johannes-Kirche. Doch die Patronin des Prämonstratenser-Ordens ist die Gottesmutter.
Auf einer Reise in Richtung Rom 1125/26 kam er, so die Legende, an einen kleinen fränkischen Siedlungsort, wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert, mit einem steinernen Gaden, wo er eine Vision gehabt haben soll, nach der hier in späterer Zeit auch ein Haus seines Ordens entstehen würde. Die Klostergründung wurde dann zwanzig Jahre später verkündet „in loco, qui dicitur Staingadenem“, auf den 17. April 1746 beurkundet, wobei dieses Kloster dann dem Prämonstratenser-Orden übergeben wurde. 1176 wurde die Klosterkirche Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweiht. Die Mönche rodeten und kultivierten das umliegende Land, bis sie dann im 14. Jahrhundert zusammen mit anderen Weilern auch die Einöde Wiß gründeten, ein Name nach einer hier vorgefundenen auffallenden Wiese inmitten von Wäldern und Sümpfen.
Drei Jahrhunderte später dann entschloss sich Abt Hyazinth Gassner (1729-1745) im Jahre 1730, auch hier die in diesem Orden übliche Karfreitags-Prozession in Steingaden einzuführen. Im verstaubten Gerümpel auf dem Dachboden fanden Pater Magnus Straub und Bruder Lukas Schweiger verschiedene Körperteile und einen gut ausgeformten Kopf, aus dem sie dann die Figur des gegeißelten Jesu zusammenetzten. Doch dieser Figur war zunächst kein gutes Schicksal bestimmt, sie war zu unansehnlich und wurde dann auch noch von Kindern schlimm zugerichtet, bis sich im Jahre 1738 die Wißbäuerin Maria Lori dieser Figur annahm und sie mit Hilfe von Martin Lori und seinem ältesten Sohn in ihr einsam gelegenes Bauernhaus trug.

Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche „Zum gegeißelten Heiland
auf der Wies“ ist eine Prozessionsfigur aus dem Jahre 1730 und hat
als Hauptfigur ihren Platz im Altar der Wieskirche.
© Tourismusverband Pfaffenwinkel
Die Überlieferung berichtet dann von jenem Samstagabend, dem 14. Juni 1738, und dem nächsten Sonntag, als die Bäuerin vor der Figur kniete und betete und dabei die Tränen sah, die aus den Augen des gegeißelten Jesus tropften. Obwohl alles geheim bleiben sollte, kamen bald die ersten Wallfahrer aus der Umgebung der Wiß. Also wurde noch im Winter 1739/40 eine kleine Feldkapelle, die Wieshofkapelle, gebaut, und das war der Beginn der Wallfahrten zum „Gegeißelten Heiland auf der Wiß“. Wundererzählungen breiteten sich aus, die Zahl der Wallfahrer wurde immer größer.
Die Kapelle wurde zu klein, also entschloss sich Abt Hyazinth Gassner, eine große Wallfahrtskirche bauen zu lassen. Er soll ein sehr frommer Mann gewesen sein, der auch das theologische Bildprogramm der Wieskirche entworfen haben soll. Unter seinem Nachfolger Abt Marinus II. Mayr fand dann am 16. Mai 1745 die Grundsteinlegung statt. Im ersten Mirakelbuch von 1746 der „neu entsprossenen Gnadenblum auf der Wiß“ wurden die vielen Gebetserhörungen und Wunder bis zum endgültigen Bau der Wieskirche dokumentiert. Am 31. August 1749 wurde dann das Gnadenbild feierlich von der Feldkapelle in den fertigen Chorraum übertragen. Schließlich wurde die Kirche am 1. September 1754 dem Heiligen Joseph geweiht.

Auch die Seitenaltäre sind mit barocken Figuren aus der
Kirchengeschichte geschmückt.
© Tourismusverband Pfaffenwinkel
Es gibt ein aufschlussreiches Büchlein aus dem Jahre 1779 von Wallfahrtspriester P. Benno Schöfl über den „Wahren Ursprung und Fortgang der Wallfahrt des gegeißelten Heilands auf der Wies“. Darin schreibt der Augenzeuge: „Was soll ich noch mehrer von diesem Gnadenfluß melden, da selbst jetzt schon ganz Europa durchströmet, wenn sogar von Petersburg in Russland, von Gotenburg in Schweden, vom Amsterdam in Holland, von Kopenhagen in Dänemark, von Christianenburg (gemeint ist Oslo) in Norwegen, von Nîmes in Frankreich, von Cadiz in Spanien Wallfahrer da gewesen? Was soll ich alle deutschen Provinzen und andere angrenzende Königsreiche hersetzen?“ (Finkenstaedt, Th. u. H. : Die Wieswallfahrt, Regensburg 1981, S. 150).
Von der Französischen Revolution und damit dem Niedergang der Klöster europaweit blieben auch das Kloster und der Orden nicht verschont. Gegen den Abriß der Wieskirche wehrten sich über viele Jahrzehnte die Bauern der Gemeinde Fronreiten, bis dann am 30. Juli 1846 endlich die Baupflicht der Wieskirche vom Staat anerkannt wurde, was die Erhaltung der Wieskirche bis heute sicherte. Doch die Wallfahrten fanden auch während dieser schweren Zeiten statt, wie an den vielen Votivtafeln zu erkennen ist. Bis heute kommen Besucher aus aller Welt, und jedes Jahr findet die Jugendwallfahrt mit über 1000 jungen Menschen hier ihr Ziel.

Wie ein Himmel überwölben die farbigen Deckenfresken die
Gläubigen in der Wieskirche, ein einmaliges Zeugnis des
bayerischen Rokoko.© Tourismusverband Pfaffenwinkel
Als Weltkulturerbe mittlerweile international bekannt, freuen sich die Wallfahrer und Besucher darüber, dass diese wunderbare Kirche auch heute noch einsam inmitten von Wiesen und Feldern liegt, in einer herrlichen Landschaft, in Nachbarschaft von kleinbäuerlichen Familienbetrieben und dem wertvollen Naturschutzgebiet „Hochmoore rund um die Wies“.
Der hl. Norbert und das Gnadenbild, die Wieshofbäuerin Maria Lori, Abt Hyazinth Gassner im Kloster Steingaden (1729-1745) und Abt Marinus II. Mayr legten die Grundsteine für das, was sich heute als Kunstwerk besonderer Art präsentiert. Und nun zu den Künstlern, die dieses Kunstwerk geschaffen haben: Der Baumeister und Stuckateur Dominikus Zimmermann (1685-1766) und sein Bruder Johann Baptist Zimmermann ((1680-1758) als Stuckateur und Maler der Deckenfresken schufen ein einzigartiges Zeugnis des bayerischen Rokoko im Auftrag der Prämonstratenserchorherren von Steingaden. Dominikus Zimmermann war Stukkateur und Marmorierer und gehört als Baumeister zu den genialsten und berühmtesten Künstlern seiner Zeit. Künstlerische Stationen seines Lebens waren u. a. Fischingen in der Schweiz, Biberach, Buxheim, Gutenzell, Maria Medingen, Landsberg, Günzburg; die Krönung seines Lebenswerkes ist die Wies, die in Fachkreisen als die wohl vollkommenste Rokoko - Kirche der Welt gewertet wird. Sein Bruder Johann Baptist war einer der gefragtesten Freskomaler und Stukkateure seiner Zeit. Werke von ihm in Andechs, Schloß Nymphenburg, Wemding, Weyarn, Stift Herrenchiemsee u. a. Orten beweisen sein großes Talent. Er malte die Deckenfresken der Wieskirche, deren theologisches Programm von Heilung, Vergebung und Vollendung wohl von den Steingadener Chorherren inspiriert wurde. Überwiegend waren auch ländliche Künstler am Werk, wobei Aegid Verhelst und Balthasar Augustin Albrecht Ausnahmen sind.

Mit künstlerischem Einfühlungsvermögen wurde die prachtvolle
Orgel in die Gesamtarchitektur integriert und schließt das Oval
des Kirchenraumes. © Tourismusverband Pfaffenwinkel
Das Altarbild (1753/54) schuf der Münchener Hofmaler Balthasar August Albrecht (1687-1765). Die vier abendländischen Kirchenväter und großen Theologen an den Säulenpaaren (Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, Gregor der Große) im Kirchenschiff und die Figuren der Seitenaltäre sind das reife Alterswerk des Tiroler Bildhauers Anton Sturm (1690-1757). Aus Kaufbeuren stammt die heutige Orgel von Schmid (1957), und ist im historischen Gehäuse von Johann Georg Hörterich eingebracht. Jetzt wird sie bis 2010 von Orgelbaumeister Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach umgebaut und renoviert. Somit entsteht ein Vierklang von Kunst, Theologie, Licht und Musik, die aus der Wieskirche diese Einmaligkeit werden lässt, denn die Konzerte hier sind überaus beliebt und werden gerne besucht. „Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor“ („An diesem Ort wohnt das Glück, hier findet das Herz seine Ruh“, wird Abt Marinus II. Mayr zitiert.
Wie aus Kunstkreisen zu erfahren ist, besteht die Einzigartigkeit der Wieskirche aus theologischer Glaubensaussage, künstlerischer Gestaltung und der Akustik in Harmonie miteinander. Darum erhielt sie den Beinamen „Rokokojuwel im Pfaffenwinkel“ und wurde mit Recht in die Liste der Denkmäler aufgenommen, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.
www.wieskirche.de
www.pfaffen-winkel.de
www.unesco-welterbe.de
www.deutschland-tourismus.de
www.unesco.org
Anzeige
Beitragsdatum: 27. Oktober 2008
Ähnliche Artikel
- UNESCO-Welterbestätte - Die Wieskirche
- Land gut Hotel zum Goldenen Schwanen in Mauerstetten Frankenried
- Insel Reichenau - Klosterinsel UNESCO Weltkulturerbe
- Würzburg - UNESCO-Weltkulturerbe
- Weimar - UNESCO-Welterbe seit 1998
- Trier - Römerbauten, Dom und Liebfrauenkirche UNESCO-Weltkulturerbe
- Speyer - Dom UNESCO Weltkulturerbe
- Unesco- Welterbe Stadt | Bamberg Altstadt
- Welterbe - Trier
- Regensburg - Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe
- Maulbronn - Kloster UNESCO-Weltkulturerbe
- Bamberg - Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe
- Lorsch - Kloster UNESCO-Weltkulturerbe
- UNESCO-Welterbestätte - Die Klosterinsel Reichenau
- UNESCO: Dresden kein Weltkulturerbe mehr
- Eisenach - Wartburg UNESCO-Weltkulturerbe
- Quedlinburg - UNESCO-Weltkulturerbe
- Siedlungen der Berliner Moderne
- Weimar - UNESCO-Weltkulturerbe
- Hildesheimer Dom und St. Michaelis Kirche: Seit 1985 UNESCO-Weltkulturerbe



