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Weimar - UNESCO-Weltkulturerbe

Das Klassische Weimar gehört zum UNESCO-Welterbe

"Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes", so Goethes Worte an Eckermann. Man kommt einfach nicht an ihm vorbei, an Johann Wolfgang von Goethe, der in Weimar gelebt und gearbeitet hat und sicherlich als Mitglied der UNESCO-Kommission auch hier sein berühmtes Zitat über Weimar ausgesprochen hätte: "Die Werke der Kunst gehören nicht Einzelnen, sie gehören der gebildeten Menschheit an."

 Maik Schuck

Vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar steht das
bekannte Goethe- und Schiller-Denkmal von Ernst Rietschel
vor 150 Jahren errichtet. © weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Als im Jahre 1998 Weimar in die Welterbeliste aufgenommen wurde, begründete die UNESCO dies mit der "großen kunsthistorischen Bedeutung öffentlicher und privater Gebäude und Parklandschaften aus der Blütezeit des klassischen Weimars" und mit der "herausragenden Rolle Weimars als Geisteszentrum im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert". Im Klartext: 1998 wurden das Klassische Weimar und der handschriftliche Nachlass von Goethe im Goethe- und Schiller-Archiv in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Bereits 1996 war das Weimarer Domizil des Bauhauses, die von Henry van de Velde entworfene Kunstgewerbeschule, von der UNESCO zum Bestandteil des Weltkulturerbes erklärt worden. Was aber bedeutet das im Einzelnen?

In Weimar wird deutsche Geschichte fassbar: In den Dichterhäusern mit ihren informativen Ausstellungen, entlang der langen Reihe von Baudenkmalen und in der kürzlich wieder eröffneten Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Hier fielen nach dem verheerenden Brand am Abend des 2. September 2004 über 50.000 überaus wertvolle Werke des 16. bis 20. Jahrhunderts zum Opfer. Mit schier unglaublichem Engagement und viel Liebe wurde sie am 24. Oktober 2007 im Beisein des Bundespräsidenten Horst Köhler wiedereröffnet, und wieder schaute alle Welt auf Weimar.


 Maik Schuck

Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit Rokokosaal; die
Herzogin ließ das "Grüne Schloss" zur Bibliothek mit
einem repräsentativen dreigeschossigen Saal im Stil
des Rokoko 1761-1766 umbauen. © Foto: Maik Schuck

Auf der UNESCO-Welterbeliste sind das "Bauhaus und seine Stätten in Weimar und Dessau" mit drei Objekten in Weimar vertreten, das "Klassische Weimar" umfasst elf Objekte. Die UNESCO hat 2001 den gesamten im Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrten Goethe-Bestand in ihr Programm zum Erhalt des dokumentarischen Erbes "Gedächtnis der Menschheit / Memory of the World" aufgenommen.


 Maik Schuck

Das 1709 in barockem Stil erbaute Haus wurde das Wohnhaus von
Johann Wolfgang von Goethe mit seiner Christiane im Zentrum
von Weimar am Frauenplan. © weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Bauhaus-Stätten in Weimar sind u.a. das Haus am Horn, die ehemalige Kunstschule und die ehemalige Kunstgewerbeschule (heute Bauhaus-Universität). Das "Klassische Weimar" ist ein Ensemble einer vergangenen und bis heute nachwirkenden Epoche europäisch-bürgerlicher Aufklärung um 1800. Dazu gehören Goethes Wohnhaus, Schillers Wohnhaus, das Residenzschloss und drei weitere Schlösser mit ihren Parks Belvedere, Ettersburg und Tiefurt, Anna Amalias Wittumspalais und Herders Wirkungsstätte mit der Stadtkirche St. Peter & Paul mit dem dreiflügeligen Altarbild von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren, Herders Wohnhaus und das Alte Gymnasium, die Fürstengruft und der Historische Friedhof und die fabelhaft wieder aufgebaute und restaurierte Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Alles dies beleuchtet eine einzigartige Epoche deutscher Kulturgeschichte, Grund genug, diese rund 66.000 Einwohner zählende Stadt Weimar ausführlich zu besuchen und noch weiter in die Geschichte einzutauchen, um das Heute zu verstehen, was da liebevoll restauriert und vorbildlich wissenschaftlich aufbereitet wurde.

 Maik Schuck

Anlässlich der Bauhausausstellung im Jahre 1923 wurde dieses
Haus nach einer Idee des Bauhaus-Meisters Georg Muche (1895-1987)
erbaut. Dieses Haus "Am Horn" ist ein Beispiel für den Beginn des
modernen Wohnungsbaus im 20. Jahrhundert.
©weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Berühmt sind und gerühmt werden die idyllischen Parklandschaften, die das Stadtbild in bezaubernder Weise bestimmen. Der Schriftsteller Adolf Stahr umschrieb es sicherlich treffend: "Weimar ist eigentlich ein Park, an dem eine Stadt liegt". An dem Flüsschen Ilm liegt das Gartenhäuschen von Goethe, exotisch präsentieren sich der Schlosspark Belvedere mit seiner Orangerie und vielen botanischen Besonderheiten und der kleinere Tiefurter Schlosspark, beide verewigt auf der UNESCO-Welterbeliste. Ein weiteres Kleinod thüringischer Gartenkunst sind der Schlosspark Ettersburg und die Parks und Sommersitze der Musen, Philosophen, Dichter, Komponisten und Schauspieler, deren Geist der Klassik sich an diesem Genius Loci aufspüren lässt. Gartenfreunden wird auch

Goethes Garten an seinem Wohnhaus empfohlen, einst liebevoll von der fleißigen Gartenfreundin, langjährigen Lebensgefährtin, dann Ehefrau des Dichters Goethe, Christiane, angelegt und gehegt und gepflegt. Ein kleiner biedermeierlich anmutender Garten mitten in der Altstadt - eine Zeitreise in das bürgerliche Leben zur Zeit der Klassik, wie überhaupt Weimar eine Stadt der Zeitreisen ist.

 Maik Schuck

In idyllischer Landschaft und ruhiger Umgebung, wie Goethe es
liebte, erhielt er 1776 von Herzog Carl August bald nach seiner
Ankunft in Weimar dieses Gartenhaus, und es blieb auch nach
seinem Umzug ins Stadthaus sein Zufluchtsort
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Das beweist schon der Ausblick auf die "runden" Daten, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: 2009 wird Schiller 250 Jahre alt, die moderne europäische Designschule Bauhaus und die Weimarer Republik wurden vor 90 Jahren gegründet, das bedeutet in einem Atemzug Klassik, Moderne und große deutsche Geschichte - in Weimar darf viel gefeiert und erinnert werden. Hinzu kommen noch Erinnerungen an berühmte Personen und Ereignisse. Denn Johann Sebastian Bach zog vor 300 Jahren nach Weimar, wo in neun Jahren drei Viertel seines Orgelwerkes entstanden. Immer gegenwärtig ist auch Johann Wolfgang von Goethe, denn das nächste Jahr erinnert an seinen 260. Geburtstag (1749-1832).

 Maik Schuck

Das Haus an der Esplanade wurde Schillers Wohnhaus; hier
wurde 1847 die erste Weimarer Dichter-Gedenkstätte eingerichtet.
Goethe und Schiller waren enge Freunde.
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Nicht vergessen werden dürfen Namen wie Henry van de Velde und Walter Gropius, der mit seinen Werken den Bauhaus-Künstlern den Weg bereitete. So nimmt es nicht Wunder, dass Weimar "Besucher-Millionär" ist; jährlich werden rund 3,5 Millionen Besucher gezählt. Und dennoch bleibt die Stadt immer beschaulich, authentisch und lebendig auch mit ihrem Nationaltheater, das jetzt zum Staatstheater gekürt wurde, mit seinen über 40 Konzerten, die dem großen Musiker und Komponisten Johann Sebastian Bach gewidmet sind, mit dem siebenwöchigen Kleinkunstfestival im Köstritzer Spiegelzelt und auch dem rustikalen Weimarer Zwiebelmarkt, der am 4. Oktober 1653 zum ersten Male stattfand und heute an jedem zweiten Oktoberwochenende stattfindet. Und wieder Goethe mit "200 Jahre Faust", der mit einer Neuinszenierung auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters gefeiert wird. Man hätte gerne seinen Kommentar heute dazu erfahren!


Das Stadtschloss ist ein weiteres historisches Baujuwel der Stadt. ©weimar GmbH; Foto Maik Schuck

Das Stadtschloss ist ein weiteres historisches Baujuwel
der Stadt. ©weimar GmbH; Foto Maik Schuck

Als die EU-Kulturminister 1993 beschlossen, Weimar für das Jahr 1999 zur "Kulturhauptstadt Europas" zu ernennen, bedeutete das für die finanzschwache Gemeinde damals eine harsche Herausforderung, die aber mit Bravour gemeistert wurde. Da zeichnete sich eigentlich schon ab, dass ab 1998 das Klassische Weimar und der handschriftliche Nachlass von Goethe im Goethe- und Schiller-Archiv in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen werden sollten. Ein weitere Meilenstein: Seit dem 1. Mai 2004 nennt sich Weimar "Universitätsstadt", die Bauhaus-Universität Weimar wurde 1996 von einer Hochschule zu einer Universität erweitert. Und dann noch eine Goldmedaille beim Bundeswettbewerb 2004 "Unsere Stadt blüht auf". Ein Grund mehr für die Beachtung der großartigen kulturgeschichtlichen Bedeutung in verschiedenen Epochen.

Wo soll man beginnen, bei der dominierenden Weimarer Klassik um Goethe, Schiller und Herder, bei dem Bauhaus, oder sich daran erinnern, dass hier die erste Republik auf deutschen Boden entstand, die Weimarer Republik im Jahre 1919? Immerhin war Weimar seit 1572 Hauptstadt von Sachsen-Weimar, auch Sachsen-Weimar-Eisenach genannt. Außerdem war dies der erste Staat Deutschlands, der sich 1816 eine Verfassung gab. Von 1920 bis 1948 war Weimar die Hauptstadt des Landes Thüringen, und, wie gesagt, 1999 war sie die Kulturhauptstadt Europas.

 Maik Schuck

Das ehemalige Residenzschloss der Weimarer Großherzöge gilt
als das bedeutendste Baudenkmal der Stadt mit den Kunst-
sammlungen Weimars und der Stiftung Weimarer Klassik.
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Eine weitere Zeitreise reicht bis in die Vorgeschichte, denn 1925 wurde das Skelett des Ehringsdorfer Urmenschen gefunden, einem Stadtteil im Südosten Weimars. Das Alter dieses Fundes wird auf etwa 200.000 Jahre geschätzt. Die ältesten Aufzeichnungen über Weimar reichen bis ins Jahr 899 zurück, und wie bei vielen anderen Ortsnamen gibt es auch hier verschiedene Nennungen wie "Wismares" oder "Wimari" bis hin zu "Wimar" und schließlich "Weimar", ein altgermanisches Wort mit der Bedeutung "wih" für "heilig" und "mar" für See, Sumpf oder Moor, wie man diese Bezeichnung auch in der östlichen Eifel in Rheinnähe findet, dort sind es die Maare, wie auch am Fuße des südlichen Siebengebirges in Rheinbreitbach. Kaiser Otto II. erwähnte am 3. Juni 975 in einer Urkunde für das Kloster Fulda die Siedlung "Burg Weimar: Sie gilt als "Geburtsurkunde der Stadt". Erst im Jahr 1410 erhielt Weimar die Stadtrechte. 1552 machte Herzog Johann Friedrich der Großmütige Weimar zur Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar, später - wie oben erwähnt - Sachsen-Weimar-Eisenach. Haupt- und Residenzstadt dieses Staates blieb Weimar bis 1918, denn am 9. November des gleichen Jahres verzichtete Wilhelm Ernst für sich und seine Nachkommen auf den Thron des Großherzogtums und siedelte mit seiner Familie nach Heinrichsau, heute Henryków. Seine Vorfahren und er hatten viel für die Entwicklung dieser Stadt getan.


 Maik Schuck

Das elegante Lustschlösschen Belvedere präsentiert eine
exquisite Sammlung von Kunsthandwerk mit kostbarem
Porzellan, Fayencen, Gläsern und erlesenen Möbeln aus
dem späten 17. bis zum 19. Jahrhundert.
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

So sei an die Regentschaft der Herzogin Anna Amalia und ihren Sohn Herzog Carl August Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert, eine Zeit, die das "Goldene Zeitalter" genannt wird. Der Herzogshof war überaus interessiert und engagiert an Kunst und Kultur und förderte sie, man erinnere sich an den Lebensweg von Goethe, an Unterstützung für Schiller und Falk, an die Anwesenheit von Wieland und Herder und anderer wichtiger Persönlichkeiten. Im "Silbernen Zeitalter", unter der Großherzogin Maria Pawlowna und ihrem Sohn Carl Alexander und dessen Frau Sophie erlebte Weimar wiederum einen neuen kulturellen und künstlerischen Aufschwung. 1842 wurde Franz Liszt zum Kapellmeister berufen, 1848 floh Richard Wagner nach Weimar zu seinem späteren Schwiegervater und Förderer. Die Uraufführung Lohengrins wurde ein großer Erfolg, 1860 gründete Herzog Carl Alexander die Weimarer Malschule, sein Sohn Wilhelm Ernst sollte 1905 die Weimarer Bildhauerschule unter der Leitung von Adolf Bütt gründen, 1919 wurde in Weimar das Bauhaus durch die Vereinigung der Kunstschule in Weimar mit der 1907 von Henry van de Velde gegründeten "Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar" gegründet.

 Maik Schuck

Am Theaterplatz befindet sich das Bauhaus-Museum mit eine
der weltweit größten Bauhaus-Sammlungen, ist doch Weimar
der Gründungsort des Staatlichen Bauhauses, der berühmten
Designhochschule des 20. Jahrhunderts.
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

Und nun vor zehn Jahren die Anerkennung und Krönung Weimars als UNESCO-Weltkulturerbe: In dieser Stadt lebt die Vergangenheit in der Gegenwart mit neuen Ausblicken weiter, eine Stadt, die man nicht im Schnellgang besuchen sollte, eine Stadt voll praller Geschichte und Geschichten, wo sich die Verantwortlichen viel Arbeit machen, mit immer neuen Programmen und Festen neue Akzente auf historischen Grundlagen aufzubauen. Denn: "Wo finden Sie auf einem so einem engen Fleck noch so viel Gutes…", Zitat von Goethe, von wem sonst?


 Maik Schuck

Der rustikale Zwiebelmarkt lockte am 4. Oktober 1653 zum
ersten Mal die Bewohner und Gäste von weither nach Weimar.
Heute findet er an jedem zweiten Oktoberwochenende statt.
© weimar GmbH; Foto: Maik Schuck

 

www.weimar.de
www.klassik-stiftung.de
www.uni-weimar.de
www.unesco-welterbe.de
www.deutschland-tourismus.de
www.staatsanzeiger-verlag.de
www.unesco.de
www.unesco.org

 

In diesem Zusammenhang wird auf das Buch von Sigrid Damm "Christiane und Goethe" - Eine Recherche, hingewiesen, in dem das Leben Goethes und seiner Christiane in Weimar eindrucksvoll und spannend aus biographischen Fragmenten im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. "Dieses Buch hätte den größten Preis verdient", so schrieb Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett". D.F.Voi

 

Christiane und Goethe - Eine Recherche

 

Dorothea F. Voigtlaender:

Christiane und Goethe - Eine Recherche

Ein geradezu perfektes Porträt der Christiane von Goethe, ihres Lebens mit dem deutschen Dichter und ihrer Zeit in Weimar

Wenn man heute durch das schöne Weimar spaziert, sozusagen auf den Spuren großer Dichter und Denker wie Goethe, Schiller, Herder, der Herzogin Amalia und vieler anderer, so wird dieses Weimar "bevölkert" mit einem Buch von Sigrid Damm "Christiane und Goethe". Dabei wird der Leser bei seinem Spaziergang durch Weimar und Umgebung genau in jene Zeit Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts zurückversetzt, alles wird "aktuell". Deshalb glaube ich, dass dieses Buch sehr gut zur UNESCO-Reportage Weimar passt.

Auf dem Umschlagbild dieser "Recherche", heute auch Buchcover genannt, wird eine Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe gezeigt, sein Porträt von Christiane, das heute in der Stiftung Weimarer Klassik Museen zu bewundern ist. Außerordentlich zu bewundern ist die dankenswerte Arbeit der Autorin Sigrid Damm, die mit ihrem Buch "Christiane und Goethe" den Alltag und die Alltagsbewältigung dieser beiden Menschen in ihrer Zeit in Weimar nachgeforscht hat, darüber geschrieben und mit überaus umfangreichem Quellenstudium die Zeiten von damals aufweckt. Während immer wieder über den schöngeistigen und begabten Dichter Goethe geschrieben und er zitiert wird, blieb bisher der Mensch Christiane ein Schattenbild, von der hochnäsigen Weimarer Gesellschaft meist geächtet, worunter sie litt, denn sie liebte Goethe und er liebte sie ja eigentlich auch. Hier ein Zitat:

"Wärst Du nur jetzt bei mir! Es sind überall große breite Betten, und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! mein Liebchen! Es ist nichts besser als beisammen zu sein. Wir wollen es uns immer sagen."
Goethe an Christiane, 10. September 1792

Doch war es wirklich immer so leidenschaftlich mit dieser Liebe bestellt, wie ausgerechnet in jenem Jahr, vier Jahre, nachdem sich Goethe und Christiane im Juli 1788 erstmals getroffen hatten und fast von einem auf den anderen Tag zum Liebespaar wurden? Christiane Vulpius hieß das junge Mädchen, das mit 23 Jahren den 16 Jahre älteren Goethe kennenlernte. Sie war frisch und jung, "ein schönes Stück Fleisch, un bel pezzo di carne, gründlich ungebildet", wie Thomas Mann sagt, eine "geistige Null", wie Romain Rolland sie nennt, die "bekannte Sexualpartnerin des alternden Olympiers", wie es in Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" heißt.

Die Autorin Sigrid Damm sucht und findet viele Briefe von Christiane, die erstaunlich genau sind und detailfreudig. Dabei wird der tiefe Widerspruch zwischen ihren Selbsterzeugnissen und dem Urteil von Mit- und Nachwelt über sie deutlich. Das reizte die Neugier von Sigrid Damm und präsentiert alle Erkenntnisse in ihrem Buch "Christiane und Goethe". "Meisterhaft und erschütternd geschrieben. Wo haben wir in den letzten Jahren Bücher gehabt, die so ergreifend wären wie dieses Buch über Christiane Vulpius? Dieses Buch hätte den größten Preis verdient", so schreibt der kritische Schriftsteller Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett".

Ein "Kunstwerk aus Akten" sei ihre gelungen. Und es sei "ein Lebensbild aus biographischen Fragmenten - Alltagsgeschichte, Sozialgeschichte und Lektüre zwischen den Zeilen", so in der Neuen Züricher Zeitung der Rezensent Andreas Nentwich: "Spannend wie ein Roman und doch in allen Einzelheiten verbürgt". Dem kann voll zugestimmt werden, denn die Autorin Sigrid Damm hat ihre Quellen sehr gut studiert, die richtigen Zitate gefunden und damit ein Leben aufgezeichnet, wie es bisher von Christiane Vulpius, die spätere Frau von Goethe, wenigstens jetzt noch verdient hat.

Als die 41jährige Christiane Vulpius und der 57jährige Johann Wolfgang Goethe am 19. Oktober 1806 in der Sakristei der Jakobskirche zu Weimar getraut werden, leben beide schon 18 Jahre lang in freier Liebe zusammen. Das war damals nicht gesellschaftsfähig und eigentlich ein Skandal! Christiane hat fünf außereheliche Kinder geboren, von denen allein der erstgeborene Sohn August noch lebt. Goethe hatte ihn 1801 als seinen Sohn legitimiert, nun also wird auch Christiane Goethes Namen tragen, wird "die Geheime Räthin", später die "Frau Staatsministerin" werden.

Sigrid Damm hat über Christiane viel herausgefunden, was bisher in dieser Klarheit noch nicht bekannt war. Mit 50 Jahren war ihr Körper von fünf Schwangerschaften gezeichnet, sie leidet unter dem Tod ihrer vier Kinder, sie wird lebenslang von Krankheiten gequält, Bluthochdruck und Nierenprobleme, woran sie sterben wird. Doch bis zu ihrem Tod ist sie ständig überfordert, um alle Wünsche und Forderungen Goethes zu erfüllen, sie packt schwerkrank kurz vor ihrem Tod und leidend noch seinen Reisekoffer, sie hat immer zuviel Arbeit. Dadurch wird sie launisch und leidet unter Depressionen, sie ist einsam bis zu ihrem einsamen Sterben, nur wenige Zimmer entfernt von Goethe, der ihr in den letzten Tagen und Stunden nicht zur Seite steht und auch nicht bei der Totenmesse und der Beerdigung dabei ist. Der große Dichter einmal ganz anders. Es ist ein gemeinsam und getrennt gelebter Alltag, der neue Einblicke gibt in Goethes Arbeitsweise und die Entstehungsbedingungen seiner Werke. Sigrid Damm gelingt es mit ihrem Buch, Abstand zu gewinnen von der ehrfürchtigen Verneigung jener Größen in jener Zeit, vor Goethe, seinem zu früh verstorbenen Freund Schiller, der sogenannten hochwohlgeborenen Weimarer Gesellschaft, die mitleidlos diesem Leben zusieht.

Nach ihrem frühen Tod am 6. Juni 1816 wird Goethe über die achtundzwanzig gemeinsamen Jahre zeitlebens schweigen. Viele Dokumente ihrer Beziehung hatte er ohnehin schon 1797 verbrannt. Die gehässigen Urteile Dritter - die gehässigsten stammen von Goethe-Verehrern - werden das Bild Christianes mehr und mehr verzeichnen. Mit dieser "Recherche" von Sigrid Damm wird Christiane endlich in ihrer wahren Größe gezeigt, in ihrer Duldsamkeit, die sich von Tag zu Tag "durchhilft".

Sigrid Damm, die sich schon mit ihrer Cornelia Goethe und ihrer Lenz-Biographie, Vögel, die verkünden Land, im unmittelbaren Umkreis von Goethe bewegte und sich dabei, wie auch in ihren beiden autobiographisch bestimmten Romanen "Ich bin nicht Ottilie" und "Diese Einsamkeit ohne Überfluß", als eine Meisterin erzählten und psychologisch gedeuteten Alltags, auch des Alltags der Liebe, erwiesen hatte, geht in ihrem neuen Roman der Frage nach, wer Christiane Vulpius verheiratete Goethe wirklich war und was sie Goethe als Partnerin hat bedeuten können.

Nach einer aufwendigen Spurensuche, bei der sie in Nachlässen, Kirchenbüchern und amtlichen Dokumenten auf erstaunliche Zeugnisse gestoßen ist, vermittelt sie ein Bild von Christiane, von ihrer Herkunft und Kindheit, ihrem Leben an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Weimar, von ihren gemeinsamen Jahren mit Goethe, das ausschließlich auf Tatsachen beruht. Auf Fiktionen, das Ausfüllen von Leerstellen durch erzählerische Phantasie verzichtend, erzählt sie einfühlsam und voller Sympathie für die Frau wie für den auf seine Freiräume bedacht sein müssenden Künstler von den Höhen und Tiefen eines außergewöhnlichen Lebens. Wo immer es möglich ist, lässt sie Christiane selbst sprechen - eine Frau mit einer erstaunlich direkten Sprache für ihren Körper, ihre Weiblichkeit, ihre Sexualität, eine Frau, die unablässig tätig ist, zuständig für zwei Haushalte, ein Landgut, zwei Gärten; die Erbschaftsangelegenheiten erledigt und Geldgeschäfte tätigt.

Sie kann einen Schlitten kutschieren. Sie geht allein auf Reisen, trägt zwei Pistolen bei sich. Sie ißt gern, trinkt gern, am liebsten Champagner. Sie tanzt ausgezeichnet, als Fünfundvierzigjährige nimmt sie noch bei einem Tanzmeister Unterricht. Sie liebt die Komödie, weniger das Lesen. Heiter ist sie, witzig, stets gutgelaunt, und sie tanzt gerne Doch sie fürchtet das Altwerden , weil sie in ihrer Überforderung eine Rolle spielen muß, für die niemand ihr den Text vorgibt, und dennoch hat sie Tag für Tag die Bühne zu betreten, für die sie eigentlich nicht geschaffen ist.

Mit diesem Lebensbild Christianes gelingt Sigrid Damm zugleich das Bild einer spannungsvollen Partnerschaft und darüber hinaus eine überraschend neue Einblicke vermittelnde Darstellung von Goethes Lebensalltag in den Jahren 1788 bis 1816, von den Entstehungsbedingungen seines Werkes in dieser Zeit und von seinem Verhältnis zu Frauen.

Dieses Buch gehört in die Oberstufen der Schulen, denn es genügt nicht, Goethes "Faust" zu lesen, über seine "Italienreise" zu erfahren oder die Auswirkungen seiner Gesellschaft nach der Veröffentlichung von "Werthers Leiden" zu erfahren. Sigrid Damm hat mit ihrem Buch einen Stein ins Rollen gebracht, hat Hintergründe erhellt, die bisher unbekannt waren, die aber bekannt sein sollten - vor allem wenn man die Stadt Weimar mit den historischen Goethe-Orten heute besucht.

insel taschenbuch 2800 / Erste Auflage 2001
Sigrid Damm - Eine Recherche
© Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1998
© Vertrieb durch Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG
ISBN 978-3-458-34500-8

 

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Beitragsdatum: 26. Oktober 2008