Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten
Kichernd lagen wir drei Geschwister auf dem Boden vor der Wohnzimmertür. In wenigen Minuten sollte das Christkind läuten, dann durften wir in das Weihnachtszimmer. Doch wieder, wie alle Jahre zuvor, hörten wir leise Schritte aus dem Wohnzimmer, und durch den Türspalt unten an der Tür sahen wir Füße in dunklen Socken. Wir wussten schon sehr genau, was sich da abspielte. Es war jedes Jahr das gleiche. Doch wieder wollten wir nicht verraten, dass wir längst wussten, wer eigentlich das „Christkind“ in unserem Wohnzimmer war. Diese Freude wollten wir unseren Eltern nicht nehmen.

Dann hörten wir unsere Mutter von der Küche durch den langen Flur auf uns zu kommen. Mit einem Satz sprangen wir drei, meine Schwester Brigitta, mein kleiner Bruder Norbert und ich auf und versuchten, ganz lieb und harmlos auszusehen, als sie um die Flurecke bog. Stirnrunzelnd sah sie uns an, und wir bemühten uns einigermaßen erfolgreich, unsere leicht grinsenden Gesichter zu verstecken, indem wir auf die noch verschlossene Türe starrten. Es fiel uns ziemlich schwer, auf die Bescherung zu warten.
Endlich! Das Weihnachtsglöckchen, ein altes Erbstück von Ururoma, läutete und erlaubte uns, die Tür zum Wohnzimmer zu öffnen. Die honigfarbenen Kerzen und einige Wunderkerzen am Weihnachtsbaum im Erker brannten, die goldenen Kugeln und Sterne und die langen silbernen Lamettafäden am Baum blitzten. Auf dem Wohnzimmertisch waren für alle Familienmitglieder Weihnachtsteller mit Süßigkeiten aufgestellt, und in der Mitte stand ein riesiger Strauß weißen Flieders, den unser Vater unserer Mutter alljährlich am Heiligen Abend zu Weihnachten schenkte. Es roch nach diesem wunderschönen Flieder, es roch nach Spekulatius und nach Kerzen, es roch einfach himmlisch.
Und dann stand plötzlich unser Vater neben uns und stimmte das obligatorische Weihnachtslied an. Er versteckte sich immer hinter dem langen Vorhang zum Esszimmer und wusste längst, dass wir nicht mehr an das himmlische Christkind glaubten, sondern mehr an ihn. Denn Weihnachten ohne Vater, das war undenkbar, zumal es in jeder Hinsicht auch ein lustiges Fest war, denn die meisten „Dummheiten“ hatte unser Vater im Kopf, wie unsere Mutter immer wieder kopfschüttelnd, aber lachend sagte.
Und jetzt war es wieder soweit. Wir hatten das Weihnachtslied gesungen und stürzten uns auf die Geschenke, denn die Süßigkeiten auf dem Weihnachtsteller durften wir erst als „Nachtisch“ nach dem Weihnachtsessen naschen. Wie in jedem Jahr seufzte auch jetzt unsere Mutter und warf unserem Vater einen nicht ernstgemeinten „vernichtenden“ Blick zu. „Wie kannst du nur? Und du willst unseren Kindern ein Vorbild sein?“, fragte sie und zeigte auf den Christbaum.

Der hing zwar voller goldener Kugeln, Sterne und Lametta, die Kerzen brannten, doch fast alle Süßigkeiten, die unsere Mutter immer so liebevoll an den Baum gehängt hatte, waren wieder einmal verschwunden. Nur an der Spitze des Baumes lockten noch einige Pralinen! Unser Vater schaute nicht wirklich ertappt und reuevoll in Mutters Augen. Er reichte ihr mit einer liebevollen Verbeugung ein Geschenkpäckchen und nahm sie dann zärtlich in die Arme. „Du weißt doch, das ist mein einziges Laster, ich kann einfach nicht anders“, meinte er dann entschuldigend, und wir Kinder lachten schallend dabei, denn es war jedes Jahr dasselbe.
Doch es sollte in diesem Jahr 1957 noch schöner kommen. Wir drei Kinder, inzwischen älter und größer geworden, hatten in seliger Eintracht einen besonders schönen Weihnachtsbaum auf dem nahen Marktplatz besorgt, und unsere Mutter war extra ganz hoch auf die Leiter gestiegen, um die leckersten Süßigkeiten ganz oben aufzuhängen. Die hatte Vater bisher nicht erreichen können. Also schmunzelte meine Mutter ihn vielsagend an. Aber Vater hatte sich schon etwas ausgedacht, das sahen wir ihm an.
Als wir Kinder am späteren Abend nach der Bescherung und dem leckeren Weihnachtsessen gerade glückselig in die Betten gekrochen waren, hörten wir es laut scheppern, und ein dumpfer Plumps schallte aus dem Weihnachtszimmer. Natürlich rannten wir sofort dorthin – und da lag unser Vater mitten im umgekippten Weihnachtsbaum!
In seinem Mund sahen wir gerade noch eine besonders große Praline verschwinden. Der Stuhl, auf den er gestiegen war, hatte ihn nicht getragen. Weihnachtskugeln lagen zersplittert im Wohnzimmer herum, die zum Glück bereits gelöschten Kerzen lagen geknickt zwischen den abgerissenen Zweigen des Weihnachtsbaumes auf dem Boden. Doch wir Kinder lachten, lachten, bis uns die Bäuche wehtaten. Auch Mutter konnte sich nicht mehr halten vor Lachen, denn es sah einfach zu komisch aus, wie Vater da neben der Krippe, die zum Glück heilgeblieben war, mitten im Baum lag und zwischen den Zweigen des riesigen Tannenbaumes genussvoll Süßes schmatzte.
Wir versuchten nun mit vereinten Kräften, unseren Vater wieder hochzuziehen, doch da stöhnte er plötzlich jammervoll und sah unserer Mutter in die Augen. „Mein Arm, ich glaube …?“ Und richtig, der rechte Arm war bei seiner Plünderung des Weihnachtsbaumes gebrochen. „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott eben sofort“, kommentierte unsere Mutter Vaters „süße Sünde“ und musste trotz allem lachen, während unser Vater sie kläglich grinsend ansah. Unsere Mutter fuhr ihn in das nahe Krankenhaus, während wir Kinder die Spuren von Vaters Missgeschick beseitigten und mit vereinten Kräften den Weihnachtsbaum wieder aufstellten und fest in seinem Ständer verankerten. Dann nahmen wir Süßigkeiten von unseren Weihnachtstellern, hängten sie an den geplünderten Baum und räumten alles wieder auf. Als unsere Eltern aus dem Krankenhaus zurückkamen, hatte Vater einen dicken Gips am rechten Arm. Er wurde wegen seiner Schmerzen von uns mit Süßigkeiten gefüttert, und das ließ er mit sichtlichem Behagen über sich ergehen.
Unvergessene Weihnachten
Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten, Bd. 4
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Zeitgut-Verlages GmbH
(www.zeitgut.com)
ISBN 978-3-86614-135-3
Beitragsdatum: 12. Oktober 2009
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