Bücher - Buchtipps
Von Dorothea F. Voigtländer
Kichernd lagen wir drei Geschwister auf dem Boden vor der Wohnzimmertür. In wenigen Minuten sollte das Christkind läuten, dann durften wir in das Weihnachtszimmer. Doch wieder, wie alle Jahre zuvor, hörten wir leise Schritte aus dem Wohnzimmer, und durch den Türspalt unten an der Tür sahen wir Füße in dunklen Socken. Wir wußten schon sehr genau, was sich da abspielte. Es war jedes Jahr das gleiche. Doch wieder wollten wir nicht verraten, daß wir längst wußten, wer eigentlich das „Christkind“ in unserem Wohnzimmer war. Diese Freude wollten wir unseren Eltern nicht nehmen.

Erinnerungen an Weihnachten im weiten Bogen des 20. Jahrhunderts bietet das 2008 erschienene dicke Erinnerungs- und Lesebuch aus dem Zeitgut Verlag. Bei 72 Weihnachtsgeschichten gibt es genug Lesestoff zum Schmunzeln, zum Anrühren und für pralles Leben, wie die folgenden Geschichten:
So passieren zum Beispiel auch in den Weihnachtstagen und in der Heiligen Nacht Dinge, die so gar nicht heilig sind. Was soll man tun, wenn man als Weihnachtsbaumdieb den Pfarrer ertappt, der zugleich der Vater der Angebeteten ist?
Oder: Für eine Betriebsweihnachtsfeier in Danzig 1918 lernt die siebenjährige Erna Hannemann ein Gedicht mit 12 Strophen. Ihre Mutter bangte mehr als sie selbst. Wird der Vortag klappen?
Hamburg 1923: „Alle Kinder bei uns am Deich haben einen Vater, nur wir nicht“, sagt der zehnjährige Ernst Haß zur Mutter. „Ich wünsche mir zu Weihnachten einen Vater.“ Der Vater ist im Ersten Weltkrieg gefallen, ein neuer taucht tatsächlich zu Weihnachten auf – und bleibt.
Wenn es draußen ungemütlich wurde, tagelang regnete und der Sturm durch die Bäume fegte, erschien zur großen Freude der Kinder bei Familie Kühl in Altenburg in Thüringen Balduin, der Landstreicher und Puppenspieler, um bei ihnen zu überwintern. Es begann eine unvergeßliche Zeit. Die 15jährige Elisabeth Schmack, die mit Mutter und zwei Geschwistern 1945 aus Schlesien fliehen musste und nun Weihnachten mittellos und erstmals fern der Heimat erlebte, erzählt: „Wir waren in dem kleinen Dorf Venzka an der Saale gelandet, und kamen in der ausgeräumten Kleiderkammer der Feuerwehr unter. Aus dem nahen Wald hatten wir Holz gesammelt und Fichtenzweige mitgebracht.
Am Abend plötzlich ein Poltern draußen. Mutter springt auf und dreht angstvoll den großen Schlüssel im rostigen Kastenschloß. Die Türklinke senkt sich und bleibt lange unten. Dann hören wir Schritte sich entfernen. Draußen vor der Tür liegt ein Bündel mit Kleidung, getragen aber sauber, und eine kleine Blechschüssel mit Weihnachtgebäck. Ein Zettel lag bei, der mit ungelenker Handschrift „Frohe Weihnacht“ wünschte. Wir fühlten eine Wärme, die kein Ofen geben kann.“
Doch nicht nur Krieg oder Flucht und Vertreibung sind der Rahmen der Erinnerungen. Bernadette Schnüttgen erzählt eine Geschichte um ihre geplatzte Verlobung, die 1952 unter dem Weihnachtsbaum stattfinden sollte – mit Gänsebraten und dem ersten Besuch der Eltern ihres Verlobten. Das Zusammentreffen gerät zum Fiasko, weil eine sehschwache Tante in der Küche hilft. Der Doppelband faßt die Weihnachts-Erinnerungen der gleichnamigen Taschenbücher Band 1 und Band 3 zu einem schönen Geschenkbuch zusammen.
Alle Geschichten sind erlebt und erlitten worden. Das wahre Leben rund um Weihnachten war stets so vielfältig und beeindruckend, daß es keiner Erfindungen bedarf, um darüber zu schmunzeln oder um nachdenklich oder betroffen zu sein.
Unvergessene Weihnachten
Buchinformation:
Auswahl-Doppelband aus Band 1 und Band 3
72 Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten.
1917–1994, 352 S., viele Abbildungen, Ortsregister, Gebunden, mit Lesebändchen.
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN 978-3-86614-149-0, Euro 9,95
Rückfragen beantwortet gern
Lydia Beier, Öffentlichkeitsarbeit
Zeitgut Verlag GmbH
Tel. 030 - 70 20 93 14 • Fax 030 - 70 20 93 22
E-Mail lydia.beier@zeitgut.com
www.zeitgut.de
Beitragsdatum: 30. November 2009
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