39 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen
Wieder einmal ist es dem Zeitgut Verlag in Berlin gelungen, jetzt mit seinem 22. Buch, die Erinnerungen von einst wach zu rufen mit überaus interessanten, aufschlussreichen und gut geschriebenen Zeitzeugengeschichten und entsprechenden Bildern aus den Jahren 1947 bis 1952. Seit genau zehn Jahren gelingt es diesem Verlag, seinem Verleger Jürgen Kleindienst und der Cheflektorin Hantke immer wieder aufs Neue, die Geschichte durch ganz persönlich geschriebene Erzählungen und Geschichten lebendig werden zu lassen. Dieses neue Buch, der Band 22, hat darüber hinaus eine besondere Aktualität, denn vor 60 Jahren - am 21. Juni 1948 - fand im vom Krieg gezeichneten Deutschland die Währungsreform statt: Im Westen Deutschlands wird die D- Mark eingeführt, jeder Bürger erhält zum Neubeginn ein sogenanntes "Kopfgeld" von 40 DM. Und plötzlich füllen sich die bis dahin leeren Geschäfte, die Wirtschaft beginnt zu blühen und das tägliche Leben wird sichtlich besser. Damit ist die Inflation beendet, füllen sich die Geschäfte mit Waren, breitet sich verhaltener Optimismus aus.

Alliierte, Besatzer, Bizone, Trizone, Demontage und Blockade, Luftbrücke, Marshallplan, Flüchtlingslager, „fringsen“, Holzvergaser und Maisbrot, Tauschzentrale, doppelte Sommerzeit (1947), Stromsperre und Razzia - für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration Westdeutschlands rücken mit diesen Begriffen nach sechs Jahrzehnten die Erinnerung an die Jahre 1947 bis 1952 noch einmal in die Mitte ihres Bewusstseins. Nun erinnern sich beim Lesen dieses Buches viele wieder an den Schwarzmarkt und Hamsterkäufe und an überfüllte Züge. Aber auch an "Schulspeisung" und CARE-Pakete, an die Berliner "Luftbrücke", an Tanzabende mit Alkolat, den wiederauflebenden Karneval und die erste Urlaubsfahrt. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Chaos löst sich allmählich auf. "Morgen wird alles besser" wird zum populären Satz, fast trotzig geäußert in einem Land, dessen Städte durch den Zweiten Weltkrieg zerstört sind und dessen Wirtschaft am Boden liegt.
Die Nachkriegsjahre werden durch diese Erinnerungen wieder lebendig, diese 39 Geschichten rücken die Vergangenheit in die Gegenwart, und Erinnerungen an die wirtschaftliche und menschliche Not wird bei denjenigen wieder ganz präsent, die es persönlich miterlebt haben, und sie werden für die nachgeborenen Generationen mehr als nur trockener Geschichtsstoff, es wird gelebte Geschichte, die anrührt und aufwühlt. Es waren über fünf schwere Nachkriegsjahre, in denen der Hunger und die Kälte zum Alltag gehörten, und nur mit Organisationstalent und viel Fantasie das schwere Leben gemeistert werden musste. Für viele waren die Betteltouren der Großstädter aufs Land schon vergessen, der Kampf um Holz und Kohle, der illegal gebrannte Schnaps, der Tauschhandel, weil das Leben heute mit Supermarkt und übergroßem Angebot in allen Branchen sich wie eine vergessende Decke über diese schwere Zeit legt. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass damals aus Gardinen Kleider geschneidert wurden oder aus Uniformen ganz neue Anzüge entstanden?

Vor genau 60 Jahren am 20. Juni war es soweit:
Die Währungsreform bescherte jedem Deutschen
40 DM „Kopfgeld“.
Foto: Zeitgut Verlag
Geschildert wird die freudige oder auch schmerzvolle Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft, der Stolz der Bombengeschädigten und Flüchtlinge über das eigene Bett, die eigene Wohnung, einen gepachteten Garten, der die Speisekarte bereichert. Eindrucksvoll sind auch die Berichte von der Suche nach einem Broterwerb und dem Fußfassen im Beruf. "Herr Gnufke, der Hausierer" hat ihn gefunden, auch der Handelsvertreter, der für Sunlicht reist, der Kumpel im Steinkohlebergbau in Dinslaken und der Postbeamte in entfernter Dienststelle, der seine schwangere Frau wegen schlechter Verkehrsverbindung nur alle vier Wochen sehen kann.
Wenn man heute von Bildungsmisere spricht, so kann man nur mit Hochachtung über die neuen Schulanfänge in völlig überfüllten Schulklassen in jener Zeit vor sechzig Jahren sprechen. In Schnellkursen wurden Lehrer ausgebildet, Deutschland öffnete sich wieder für fremde Kulturen, was im Nazireich verboten war. Auch das war ein schmerzvoller Prozess für die Älteren, die es nicht anders wussten und nun erfuhren, „wie es wirklich war in der Nazizeit“. Das musste alles verarbeitet werden, schien zunächst unglaubwürdig für viele. Endlich dürfen alle wieder persönlich entscheiden, welche Bücher sie lesen, welche Musik sie hören - wie hier die "Junge Bühne" in Goslar - Theaterstücke, die jahrelang verboten waren. Pfarrer Niemöller hält Vorträge zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Aufbruchstimmung entsteht und erster Stolz auf die junge Demokratie, die ihre „Wiege“ in der kleinen Stadt am Rhein findet, in Bonn, der heutigen Bundesstadt und der ersten Bundeshauptstadt, weil Berlin bis zum Mauerbruch 1989 weit weg war.
Mit Freude und Optimismus spüren die Deutschen nach 1950, dass sie in Europa mehr und mehr akzeptiert werden, dass Vorurteile weg brechen. Deutschland: Wirtschaftswunderland mit steigendem Wohlstand und schönen Ferienfahrten, eine große Liebe zwischen einem jungen Deutschen und einer Französin, das alles wird berichtet, weckt Erinnerungen. Schüleraustausch, und der erste Fernsehapparat, mit dem die Welt ins Wohnzimmer geholt wird, über all das wird in diesem neuen Band des Zeitgut Verlages berichtet mit harten Fakten, mit Gefühl, Erinnerungen, die nie vergessen werden sollen, Geschichte mit Geschichten über den Wiederaufstieg aus den Ruinen und den durch schwere aber auch heitere Begebenheiten arg strapazierte Herzen, die den Leser aufmerken werden lassen für einen "richtigen" Blick zurück und damit für einen neuen Blick nach Vorne sensibilisieren. Und das nicht nur mit diesem Band 22 und in weiteren themenbezogenen Taschenbüchern, vielmehr präsentiert die gesamte Reihe Zeitgut auf über 6.500 Buchseiten gelebte Erinnerungen aus ganz Deutschland für ihre Leser.
Morgen wird alles besser
West-Deutschland 1947-1952
39 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen.
352 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister,
Chronologie, gebunden.
Reihe Zeitgut Band 22, Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN 978-3-86614-143-8, Euro 12,90
Beitragsdatum: 11. Oktober 2009
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