Die Klosterinsel Reichenau im Bodensee ist seit 2000 UNESCO Weltkulturerbe
Die Insel Reichenau ist eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, wo die Äbte des Benediktinerklosters jahrhundertealte Geschichte schrieben
Eine paradiesische Landschaft präsentiert diese größte Insel
im Bodensee, die Klosterinsel Reichenau.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Wenn die Nacht dem Tage weichen muss, wenn die ersten schwachen Sonnenstrahlen den noch einsamen Damm beleuchten auf dem Weg vom Festland auf die Insel Reichenau, wenn das raschelnde Flüstern der hohen Pappeln und das zarte Streicheln des Schilfs aus dem leise plätschernden Wasser des Bodensees mit den ersten Vogelstimmen tausender von Wasservögel den Tag und den ersten Wanderer auf seinem Weg zur größten Insel im Bodensee begrüßen, dann ist der Geist des Heiligen Pirminius (später Pirmin genannt) sein Begleiter. Zwar hat er diesen Damm vom Festland zur Insel nie betreten, der Wandermönch Pirminius (685-753), denn dieser Damm wurde erst vor 150 Jahren errichtet. Er wird wohl mit dem Schiff gekommen sein, der Legende nach auf Bitten des alemannischen Adligen Sintlas von der Burg Sandeck am Schweizer Ufer, weshalb die Insel früher auch Sintlas-Au hieß. Und dieser Sintlas soll es auch gewesen sein, der den Wanderprediger Pirmin aufgefordert hat, wie die Legende erzählt, auf dieser mit dichtem Urwald bewachsenen Insel eine Kapelle zu bauen. Dort, wo Pirmin den Fuß auf die Insel setzte, sprang eine Quelle mit frischem Wasser aus dem Boden, und das Ungeziefer floh drei Tage lang von hier und schwamm über den See davon. Pirmin und seine Begleiter rodeten den Urwald, sie machten die Insel für Menschen bewohnbar und sie gründeten im Jahre 724 das Benediktinerkloster im damals heidnischen Alamannien.
Das war der Anfang, der erste Stein war gelegt, und die Entwicklung hin zu einem herausragenden Zeugnis von der religiösen und kulturellen Rolle eines großen Benediktinerklosters im Mittelalter nahm seinen Lauf. Es zählt neben St. Gallen und Fulda zu den bedeutendsten Klöstern der karolingischen Zeit. Eine Besonderheit: Es lag im Herzen eine der schönsten Landschaften Mitteleuropas, wo die Geschichte vergangener Jahrhunderte bis heute allgegenwärtig ist.

Das Münster St. Maria und Markus war die erste
Kirche und zugleich Klosterkirche der Benediktiner
auf der Insel Reichenau.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Von den über 20 Kirchen und Kapellen, die sich einst auf der langgestreckten Insel drängten, sind drei übrig geblieben: die Klosterkirche St. Maria und Markus in Reichenau-Mittelzell, St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell und St. Georg in Reichenau-Oberzell. Klösterliche Architektur im romanischen Stil wird hier sichtbar, und die Wandmalereien in diesen Kirchen geben Zeugnis ab von ihrer Bedeutung als künstlerisches Zentrum für die europäische Kunstgeschichte des 10. und 11. Jahrhunderts. So sollte sich das 724 gegründete Benediktinerkloster vom 8. bis ins 11. Jahrhundert zum unmittelbaren Reichskloster entwickeln, zu einem geistigen Zentrum des Abendlandes, wo Lehrer von Rang unterrichteten in der berühmten Klosterschule. Jene hervorragenden Theologen, Politiker, Wissenschaftler, Dichter und Musiker sind bis heute nicht vergessen. Alte Dokumente erzählen ihre Geschichte.
Die Klosterbibliothek war berühmt, jene "Reichenauer Malerschule" (Buch- und Wandmalerei) sowie die Goldschmiedekunst. Es waren Menschen hier, überaus berühmte Menschen mit bis heute bekannten Namen, denn das Kloster war eines der wichtigen kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Zentren des Reichs der Karolinger und Ottonen im Frühmittelalter. Karl der Große, jene beherrschende erste Europäergestalt taucht auf, jener eigenwillige Mann, der sich zu Weihnachten 800 in Rom nur widerwillig vom umstrittenen Papst Leo III. die Kaiserkrone aufs Haupt setzen lassen musste, ein Mann der Kriege, der Kunst und der Bildung. Mühsam lernte er selbst Lesen und noch mühsamer Schreiben. Deshalb übernahmen auf seine Weisung der Abt Waldo (786-806) und Abtbischof Heito politische Missionen für ihn. Wichtig war auch die Person des Walahfrid Strabo (gest. 849), Abt und Schriftsteller, der als Erzieher Karls des Kahlen, einer der Söhne Karls des Großen, lange in Aachen gelebt hat. Aus seiner Feder stammen literarische Meisterwerke des Mittelalters, wie die "Visio Wettini" und der berühmte "Hortulus", eine Abhandlung über den Gartenbau. Bis heute finden die Kräutergärten auf der Reichenau viel Beachtung bei den Besuchern, die erstaunt erfahren, dass der Gemüseanbau, der den früheren Weinanbau verdrängt hat, bis jetzt eine jährliche Produktion von rund 16 000 Tonnen Frischgemüse produziert.

Viel bewundert wird der liebevoll angelegte Kräutergarten
am Münster, der viele Besucher anlockt und seine eigene
Geschichte hat.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Die Arbeiten der Menschen von damals zeigen bis heute Wirkung - es ist eigentlich das Leben und Wirken vieler Äbte. So taucht der Name jenes Abt Waldo immer wieder in Reichenau auf, denn er war der Gründer der Reichenauer Gelehrtenschule und außerdem ein enger Vertrauter Karls des Großen. Das Wirken der Äbte jener Zeit ist bis heute spürbar. Durch diese Mönchsgemeinschaft erlebte Alamannien im ausgehenden 8. und 9. Jahrhundert eine erste Blütezeit. Unvergessen sind die Namen einflussreicher politischer Persönlichkeiten wie die Äbte Heito I. und Hatto III., dann wieder Walahfrid Strabo, der frühmittelalterliche Dichter, die Äbte Witigowo (985-997) und Berno. Sie waren die Förderer von Buchmalerei und Baukunst. Nicht vergessen ist auch der Mönch Hermann der Lahme, Mathematiker, Astronom, Historiker und Musiker. Sie alle beweisen mit den drei erhaltenen romanischen Kirchen die große Bedeutung des Inselklosters in Politik, Wissenschaft und Kunst für den ganzen abendländischen Raum, das mit Karl dem Großen seinen Anfang nahm.
Die ältesten Bauteile der ehemaligen Klosterkirche St. Maria und Markus sind das Ostquerhaus mit Vierung (816) und das von Abt Berno erbaute Westquerhaus mit Turm (1048). Zu bestaunen ist eine reiche Schatzkammer mit dem gotischen Markusschrein. Und noch einmal Walahfrid Strabo, der ein Gedicht über den nördlich des Münsters angelegten Kräutergarten schrieb. Erinnert werden soll auch an das Reichenauer Verbrüderungsbuch und an den auf Reichenau entstandenen so genannten "St. Galler Klosterplan".
Sogar die Könige Heinrich I., Otto I. und Otto II. besuchten die Reichenau und gewährten Privilegien wie Immunität, Zollfreiheit, Wahlrecht und bezeugten ihre Wertschätzung durch reiche Geschenke, was der Insel eine zweite Glanzeit bescherte. Dazu trugen auch der "goldene" Abt Witigowo und die Reformäbte Immo (1006-1008) und Berno (1008-1048) bei. Die Geschichtsschreibung des Hermann von Reichenau (gest. 1054) und Berthold von Reichenau sowie die drei Kirchen und die historischen Schriften haben jene Zeit bestens dokumentiert. Vor allem durch diese Manuskripte aus dem 10. und 11. Jahrhundert und die hervorragende künstlerische ottonische Buchmalerei wurde das Kloster weithin bekannt.
Die Zeit geht weiter, bis unter Abt Hatto III. - ein politisch wirksamer Abt und Mainzer Erzbischof (888 bis 913) - die Kirche St. Georg in Oberzell erbaut wurde, die vor allem wegen der ottonischen Wandmalereien auf den Langhauswänden zu den bedeutendsten frühmittelalterlichen Bauwerken nördlich der Alpen zählen. Dargestellt werden acht Wundertaten Jesu. Wahrscheinlich war es die Reliquie des hl. Georg, die den Anlass gab für den Bau dieser Kirche. Denn Abt Hatto III., war in Rom und erhielt 896 von Papst Formosus die Georgsreliquie, die auf diese Weise auf die Insel Reichenau kam.

Die Kirche St. Georg ist im Bauzustand des Frühmittelalters
ab Ende des 9. Jahrhunderts erhalten und beherbergt die
St. Georgsreliquie, die im Jahr 896 von Rom ins Kloster
Reichenau kam.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau

Die monumentalen Wandmalereien der Wunder
Christi gelten als die einzige erhaltene Kirchenausmalung
nördlich der Alpen vor dem Jahr 1000.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Die doppeltürmige Kirche St. Peter und Paul besitzt ein kostbares Wandbild mit dem thronenden Christus in der Mandorla, ein letzter Höhepunkt der Reichenauer Malerschule. Die Kirche war ursprünglich 799 von Bischof Egino von Verona geweiht und dann aber zwischen 1080 und 1130 neu gebaut worden.

Von weithin sichtbar ist die Kirche St. Peter und Paul
mit ihren zwei Türmen, eine dreischiffige Säulenbasilika.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Nach Abt Diethelm von Krenkingen (1169-1206) veränderte sich das Klosterleben, der geistige und materielle Stand der Mönchsgemeinschaft fiel in einer sich stark verändernden sozialen und wirtschaftlichen Zeit des ausgehenden hohen Mittelalters. Reformversuche scheiterten, zeitweise war in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der gesamte Klosterbesitz verpfändet. Schließlich gab es im Jahre 1402 neben dem Abt nur noch zwei hochadelige Konventherren als "Mönche".
Doch die Zeiten wurden wieder besser, als das benediktinische Mönchsideal am Ausgang des Mittelalters eine neue Zielrichtung fand. Der Radolfzeller Chronist Gallus Öhem schrieb eine Klostergeschichte, das Münster in Mittelzell wurde um den spätgotischen Chor erweitert, bis dann 1540 Abt Markus von Knöringen auf die Klosterleitung verzichtete und sie an den Bischof von Konstanz abtrat. Ab dann war die Reichenau als Priorat mit zwölf Mönchen nur eine Verwaltungsstelle des Bistums. Und dann kam es nach Selbstständigkeitsbestrebungen 1757 zur Auflösung des Klosters, 1803 wurde es mit der Säkularisation nach dem Reichsdeputationshauptschluss aufgehoben, wie es vielen geistlichen Klöstern in der damaligen napoleonischen Zeit erging.
Heute ist nichts von einem Niedergang zu bemerken, das hatten die Verantwortlichen für das UNESCO-Welterbe gesehen und gespürt. Denn hier ist Geschichte voller Leben. So auch im Museum Reichenau mit drei Museumseinheiten, die gemeinsam mit den drei romanischen Kirchen über die herausragende kulturhistorische Bedeutung der Reichenau detailliert und anschaulich informieren. Deutlich wird das auch durch die Wallfahrten, die im 9. Jahrhundert zur Verehrung der Markusreliquie begannen und in großen Touristenströmen heute gipfeln.

Heute sind sie wieder hier anzutreffen, Benediktinermönche auf der
Klosterinsel Reichenau, hier vor der ehemaligen Klosterkirche
St. Maria und Markus.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Und sie sind wieder da nach 200 Jahren: Seit 2001 lebt eine Mönchsgemeinschaft von Benediktinern auf der Insel. Am 13. Juni 2004 wurde diese junge Mönchsgemeinschaft offiziell zur Cella St. Benedikt, die der Erzabtei Beuron untersteht. Heute sind es drei Mönche aus der Erzabtei Beuron und der Abtei Gerleve. Aufgabe dieses Konvents ist die lokale Pfarrseelsorge.
Es war im Jahre 2000, als die Insel Reichenau von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurde. Im Jahre 2004 wurde die alte Buchmalerei des Bodensee-Klosters Reichenau in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Erwähnenswert: Im historischen "Alten Rathaus", einem der ältesten Fachwerkhäuser Süddeutschlands, wird die Reichenauer Bürgergeschichte dargestellt. Und Bürger und Besucher erleben auf dieser Insel hautnah viele Jahrhunderte lange Geschichte, immer wieder neu belebt durch festliche Prozessionen bei Feiertagen über das ganze Jahr. Die Insel Reichenau ist eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, wo der belebende Wind des Bodensees sich mit dem einzigartigen Kräuterduft aus den Gärten mischt. Ein modernes Standbild des Heiligen Pirminius am Zugangsdamm zur Reichenau begrüßt "seine" Gäste.

Dort, wo man die Klosterinsel Reichenau vom Zugangsdamm
her kommend betritt, steht das moderne Standbild des Heiligen
Pirminius, oder auch Primin, wie er heute genannt wird.
Pirmin Statue (Muschelkalk) von Gisela Bär,
am "Bruckgraben", 1969.
© TI Reichenau/Keller-Reichenau
Information und Beratung:
Geschäftsführer des Verkehrsvereins der Insel Reichenau, Dr. Karl Wehrle
Simone Baumer, Tourist-Information Reichenau,
Mechthild Christ, Tourist-Information Reichenau,
Andrea Sorger, Tourist-Information Reichenau,
Elisabeth Weltin, Tourist-Information Reichenau
www.reichenau.de
www.unesco-welterbe.de
www.unesco.de
www.unesco.org
www.deutschland-tourismus.de
Beitragsdatum: 18. Oktober 2008
Ähnliche Artikel
- UNESCO-Welterbestätte - Die Klosterinsel Reichenau
- PWS protective-water-solutions in Treffelstein
- Radlager-Bonn in Bonn
- bikePARK Riesen Gebraucht Fahrrad Markt Berlin in Berlin
- Ristorante - Pizzeria La Vita ( Steinofenpizza ) in Bonn
- Kommunikation & Konzept in Hanstedt
- Maulbronn - Kloster UNESCO-Weltkulturerbe
- Loveparade 2010 in Duisburg: Massenpanik & Tote
- FC Bayern Rückkehr - Empfang & Party auf dem Marienplatz
- Schlösser in Bayern - Die Sommersaison hat begonnen
- Schafskälte in Deutschland: Fußball-WM Wochenende wird kalt
- Der Gründungskredit wird von der Bank in der Finanzkrise verwehrt
- Kassenschlager: Piper-Heidsieck-Stiletto von Christian Louboutin
- Lorsch - Kloster UNESCO-Weltkulturerbe
- Angst vor Freitag, dem 13.
- Muttertag vergessen? Last-Minute-Tipp: Einmal ganz anders feiern!
- IRONMAN in Regensburg
- Aachener Dom - UNESCO-Weltkulturerbe
- Ausstellung: „Fundgeschichten. Archäologie in Nordrhein-Westfalen“
- Die Eisheiligen 2010



