Unsere Mütter (aus)gezeichnet durch die Zeit 1938 bis 1958
Dieses Buch ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Geschichte, in der gerade die Mütter fast Vergessenes an ihre Töchter weitergeben oder auch nicht. Da heißt es: "Habe ich meine Mutter wirklich gekannt?" und: "Die Frage, ob sie wohl glücklich war, vermag ich nicht zu beantworten". So Anita Baldauf. Zornig fragt Katharina Zelazny, geb. Mende: "Redet endlich! "Was ist in der NS-Zeit geschehen?" Doch die 27 Töchter erinnern mit ihren Erzählungen, teils selbst aufgeschrieben, teils aufgeschrieben nach ihren Erzählungen, nicht nur an diese NS-Zeit, sie geben auch den Blick frei an die Zeit davor und an die Nachkriegszeit in diesem historischen Lesebuch mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten über die Lebenswege und Überlebenswege ihrer Mütter. Dabei wird auch aus aufgetauchten Tagebüchern zitiert, aus Briefen, aus Nachlässen, die den Blick in die dunkle Vergangenheit erhellten, die Schönes und Grausames freigeben, um dann Barrieren zwischen Mütter und Töchter niederreißen zu können. Die Barrieren, das waren Wände des Schweigens, des Nicht-mehr-davon-reden-Wollens. Und jetzt redeten sie, eine empfindsame Arbeit der Herausgeberin und Mitautorin Marlene Zinken.

Foto Cover: Verlag
Alle 27 Frauen sind dem "Verein des Hauses der FrauenGeschichte" in Bonn verbunden; Barbara Degen gab den Anstoß, ein solches Buch zu verwirklichen: "Die Haltung unser Mütter während der NS-Zeit ist der Schlüssel zu unserem Verständnis der deutschen Vergangenheit". Aus der Idee wurde ein Ziel, ein schwieriger Weg, diese Erinnerungserzählungen als "unverstellten Blick" von Müttern zurück auf zwei Jahrzehnte deutscher Geschichte: NS-Terror, Krieg und Nachkriegsjahre zu "beschreiben". Fragen machten es möglich: "Wie war es damals? Wie konnte das geschehen? Was hast Du erlebt? "Was hast Du empfunden? "Und was hast Du getan?" Mit diesen Kernfragen versuchen die Töchter das Leben und die Schicksale ihrer Mütter, die großen Umbrüche und Katastrophen, aber auch ihre Energie und ihren Einfallsreichtum, als sie auf sich alleine gestellt waren, zu verstehen. So vermischen sich in den Erinnerungen der Töchter "Trauer über ihr schweres Leben" und "Hochachtung und tiefe Dankbarkeit".
Ja, es ist ein historisches Lesebuch, und doch ist es auch noch viel mehr. Tief taucht der Leser in bisher wohl gehütete Geheimnisse ein, in den verdrängten Schmerz über den toten Ehemann, verlorene und tote Kinder, die auf Fotos in Sonntagskleidchen aufgebahrt sind und Tränen in die Augen treiben. Diese Geschichten lassen mit-fühlen, mit-leiden und auch mit-freuen. In ihrem Vorwort schreibt Marlene Zinken: "Erinnerungen sind ein sensibles Gut, wohl behütet, verschwommen zeitweilig, manchmal verdrängt, schmerzhaft und auch beglückend". Auf den Punkt gebracht: Töchter erinnern sich an das Leben ihrer Mütter, geprägt von den Zeitumständen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Das heute so oft benutzte und schon oft abgenutzte Wort "Zeitzeugengeschichte" trifft dieses Buch nur am Rande, dafür ist es mit dem oft kostbaren persönlichen Eigentum zu intensiv, die Hemmschwellen, auch ganz besonders Privates preisgegeben, werden dabei niedergerissen. Wohltuend ist dann das Anekdotische, das sich wie heilende Salbe über aufgerissene Wunden legt. So versagte bei der großen öffentlichen Lesung im Forum Adenauer der Tochter Libet Werhahn die Stimme, als sie über ihre Mutter Gussi Adenauer (1895-1948) berichtete, als diese von den Nazis vor eine grausame Wahl gestellt wurde, das Versteck ihres untergetauchten Mannes Konrad Adenauer zu verraten: "Wenn Sie ihren beiden Töchtern die Haft ersparen wollen, müssen Sie uns das Versteck ihres Mannes verraten". Da flossen auch bei so manchen Gästen die Tränen, die Ähnliches erlebt hatten, die von ihren Müttern Ähnliches erfahren hatten. "Ich verriet ihn", sagte Gussie Adenauer, die daran zerbrochen ist und 1948 starb, nicht ahnend, dass ihr Mann ein Jahr später der erste Kanzler einer demokratischen und freien Bundesrepublik Deutschland werden sollte. So hat das Schicksal sie noch nachträglich belohnt. Für die Kinder und Nachfahren ein schweres Erbe.
Leseempfehlungen schreibt die Mitautorin Prof. Dr. Annette Kuhn, Universität Bonn, Haus der FrauenGeschichte unter dem Titel "Erinnerungen in der Spirale der Zeit (1938-1958). Ihre Leseempfehlung lautet: "Möglichst viele Fragen an unsere Mütter, an ihre und unsere Vergangenheit zuzulassen". Ob Bombenterror, Verfolgung, Widerstand, Fluchtgeschichten, Wiederaufbauzeit nach dem Krieg unter teils erbärmlichen Verhältnissen, alle diese ganz persönlichen Geschichten der 27 Frauen über ihre Mütter schweißt sie zu einem Appell für "eine Politik der Menschlichkeit" zusammen. Denn, so Prof. Kuhn: "Dieses politische Vermächtnis zu entschlüsseln, gehört zu den noch unerledigten Aufgaben der deutschen Nachkriegsgeschichte, die mehr ist als eine kurze, auf wenige Jahre reduzierte ‚Stunde der Frauen'". Dann wird sie kämpferisch: "In der Geschichtswissenschaft, in den Medien und in der deutschen Öffentlichkeit ist das Bild der deutschen Frauen, die Hitler an die Macht gebracht hätten, um dann zum willenlosen Opfer der NS-Männermacht zu werden, noch keineswegs verschwunden,…obwohl es falsch ist". Sie ist auch der Meinung, dass die vielen Widersprüche dieser Zeit, politische, ideologische und materielle Widersprüche sich in diesen Erzählungen widerspiegeln.
Es ist ein sehr lesenswertes Buch, es ist ein erschütterndes Buch, es ist ein überaus wichtiges Buch mit Geschichten aus der Sicht von Töchtern aus dem Leben ihrer Mütter. So wird Geschichte auf eine völlig neue Art und Weise dargestellt. Bisher unbeachtete Schwerpunkte werden aufgedeckt, neue Prioritäten erhalten einen anderen Stellenwert und ein neues Gewicht. Die Mütter von damals sind wirklich "gezeichnet" und "aus-gezeichnet", das darf nicht vergessen werden. Und damit dies nicht vergessen wird, dafür sorgt dieses Buch, das mehr ist als nur eine historische Würdigung der Mütter: Es ist ein Glück, dass wir heute dieses Buch lesen dürfen.
Marlene Zinken (Hrsg.)
Der unverstellte Blick.
Unsere Mütter (aus)gezeichnet
durch die Zeit 1938 bis 1958.
Töchter erinnern sich
Schriften aus dem
Haus der Frauengeschichte, Bd. 1
Verlag Barbara Budrich
229 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag
www.budrich-verlag.de
www.barbara-budrich.net
ISBN 978-3-86649-136-6
19,90 €
Beitragsdatum: 12. Oktober 2009
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