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Darmstadt - Grube Messel UNESCO Weltkulturerbe

Die Grube Messel bei Darmstadt eine der reichsten Fossilienfundstätten der Welt

Versteinerte Krokodilknochen sorgten schon im Jahr 1875 für Aufmerksamkeit. Seit 1995 ist die Grube Messel die erste und bisher einzige UNESCO-Weltnaturerbestätte Deutschlands.

Das Urpferdchen gehört mit zu den spektakulären Funden in der Grube Messel. © Forschungsinstitut Senckenberg

Das Urpferdchen gehört mit zu den spektakulären Funden in der Grube Messel. © Forschungsinstitut Senckenberg

Auf den ersten Blick mag man es kaum glauben, dass unter dieser reizvollen, stillen Landschaft die Grube Messel im Landkreis Darmstadt-Dieburg in Hessen mit einer Zeitreise zurück vor 47 Millionen Jahren reiche Schätze der Urzeit zu finden sind und noch weiter gefunden werden. Hier dokumentiert die Erde selbst ihre Entwicklungsgeschichte vor 47 Millionen Jahren, nachdem die Saurier ausgestorben waren und gleichsam eine explosionsartige Veränderung der Tier- und Pflanzenwelt begann. Für Aufregung und Spannung ist gesorgt. Hier, wo sich einst ein Tagebau befand, jene „Messeler Braunkohle“ und damit der des Ölschiefers mit einem neuen Wirtschaftszweig, nämlich der Rohöl- und somit die Teer- und Paraffingewinnung ihren Anfang nahmen, da öffnet sich heute eine uralte Welt voll neuer Entdeckungen aus der Vergangenheit.


Wie ein unberührtes Paradies haucht diese Landschaft bei der Grube Messel Friede und Ruhe aus, doch über 47 Millionen Jahre erzählen eine verblüffende Geschichten über und vor allem unter der Erde. ©Welterbe Grube Messel gGmbH

Wie ein unberührtes Paradies haucht diese Landschaft bei der Grube Messel Friede
und Ruhe aus, doch über 47 Millionen Jahre erzählen eine verblüffende Geschichten
über und vor allem unter der Erde. ©Welterbe Grube Messel gGmbH

Noch 1924 erzeugte Messel zirka 25 Prozent der gesamtdeutschen Erdölproduktion, bis das Werk während des Zweiten Weltkrieges 1945 stark beschädigt wird, doch mit Hilfe amerikanischer Verwaltung seine Vorkriegsproduktion wieder erlangen kann. Doch die weltweite Erdölkonkurrenz wurde in den Folgejahrzehnten zu groß, sodass dieses Werk stillgelegt werden musste. In etwa 120 Jahren Ölschiefergewinnung wurden insgesamt ein Millionen Liter Rohöl erschwelt, eine Menge, die heute nur eine Riesentankerfüllung darstellt! Still wurde es jedoch nicht um die immer wieder auftauchenden Funde, jene Versteinerungen von Tieren und Pflanzen aus der Zeit des Eozäns (das Alter der Morgenröte 55,8 bis 33,9 Millionen Jahre).


So sieht der Ölschiefer aus, Grund für jahrlange Ölschiefergewinnung in der Grube Messel. ©Welterbe Grube Messel gGmbH

So sieht der Ölschiefer aus, Grund für jahrlange Ölschiefergewinnung
in der Grube Messel. © Welterbe Grube Messel gGmbH

In Messel wurden durch konsequente Verbesserungen der Präparationsmethoden hervorragende Präparationserfolge, erzielt. Hier wurde die Transfermethode für Messel-Fossilien entwickelt, die sowohl die optische wie auch die wissenschaftliche Aussagekraft der Fossilien wesentlich erhöhte. Altes, Uraltes, wird so bewahrt und damit eine Zeitbrücke gebaut von Millionen von Jahren zurück mit Beweisstücken aus jener Zeit: Versteinerungen, Fossilien genannt, erhalten.

Im Fossilien- und Heimatmuseum Messel ist vor allem detailliert zu erfahren, wie sich die ganze Industrie-Geschichte, die sich weit in die Vergangenheit verfolgen lässt, abgespielt hat. Fast wäre das nicht möglich gewesen, denn nach der Schließung der Grube war geplant, hier eine Mülldeponie zu verwirklichen. Da ahnte noch niemand, dass hier einmal das einzige Weltnaturerbe Deutschlands in die Liste der Weltnaturerbestätten der UNESCO aufgenommen werden sollte.

 

Der Ameisenbär( Eurotamandua joresi) ist die „blaue Mauritius“ der Messel-Funde. © Hessisches Landesmuseum Darmstadt (HLMD - Me 17000)

Der Ameisenbär (Eurotamandua joresi) ist die „blaue Mauritius“ der Messel-Funde.
© Hessisches Landesmuseum Darmstadt (HLMD - Me 17000)

Hatte sich denn niemand an jene Krokodilknochen erinnert, die schon 1875 für Aufmerksamkeit gesorgt hatten? Doch, daran und an die vielen zufälligen Funde während der Industriegeschichte erinnerten immer neue Funde. Heute sind diese Funde im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (alle historischen Funde bis 1971 sind hier), danach sind die Funde in Frankfurt oder Darmstadt, im Forschungsinstitut und Naturmuseum Senkenberg und im Fossilien- und Heimatmuseum Messel vor Ort zu sehen. Grabungen werden weiterhin von Hessischen Landesmuseum Darmstadt und dem Forschungsinstitut Senckenberg, die heute die Betreiber der Grube nach bergmännischem Recht sind, durchgeführt. Mit diesen Instituten werden genehmigte Grabungsarbeiten von Bürgern in einer Bürgerinitiative, und dem Verein PaläoGeo e.V. durchgeführt, zwar von Laien, die sich jedoch unter Aufsicht von Fachleuten gerne um „ihre“ unterirdische Geschichte bemühen.

Dass die Ortsgeschichte und die ersten menschlichen Besiedelungen mit einem alten jungsteinzeitlichen Glockenbecher und einer steinernen Arbeitsaxt mit Lochbohrung die ältesten Zeugnisse von Menschenhand um 4000 Jahre v. Chr. bewiesen werden konnten, das war ebenso klar wie die Spuren aus der Bronzezeit und die von den Kelten geprägten Spuren aus der Eisenzeit. Natürlich hatten auch die Römer dieses Gebiet erreicht, und während der Zeit der Völkerwanderungen und dem Sieg der Alemannen über die Römer kamen schließlich auch die Franken in das Gebiet von Messel. Im Museum sind wichtige Dokumente aus dieser Zeit zu finden, wie die Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch vom 18. Januar 800, übrigens das Krönungsjahr Karls des Großen zum Kaiser in Rom vom Papst zu Weihnachten in jenem Jahr. Wie wechselvoll die Geschichte der Menschen in den darauffolgenden Jahrhunderten war, ist bis heute belegt. Doch was sich da unter ihren Füßen verbarg, das fanden die Wissenschaftler erst in unserer Zeit heraus. Wissenschaftler einer Forschungskooperation unter Federführung der Senckenbergischen Messel-Forscher kamen erst im Jahr 2001 der Entstehung der Grube Messel als Ort des Ausbruchs eines Maarvulkans auf die Spur.




 festes Schuhwerk für den Einstieg in die 47 Millionen Jahre Geschichte unter der Erde. © Welterbe Grube Messel gGmbH

Viele Besuchergruppen strömen zur Grube Messel, wo sie bei Führungen detailliert informiert werden.
Wichtig: festes Schuhwerk für den Einstieg in die 47 Millionen Jahre Geschichte unter der Erde.
© Welterbe Grube Messel gGmbH

Als in der Grube Messel von 1859 bis 1970 bituminöser Tonstein, Eisenerz und Braunkohle abgebaut und der Tonstein zur Gewinnung von Erdölprodukten verschwelt worden war, stand nach dem Ende des Ölschieferabbaus das Thema Müll auf der Tagesordnung und führte bei der Bevölkerung und bei Wissenschaftlern zur großer Empörung. Man mag es heute kaum glauben, doch für 60 Millionen D-Mark wurde an der Stelle der Grube eine Mülldeponie gebaut. Die Gegner hatten gehofft, dieses Vorhaben noch im Keim ersticken zu können, doch zunächst sah es nicht danach aus. Doch die Ölschiefergrube Messel „spuckte“ förmlich ihre faszinierenden Kostbarkeiten aus uralten Zeiten aus, die nun mit neuer Präparationstechnik in ihrem Urzustand erhalten werden konnten. Natur und Menschen wehrten sich im wahrsten Sinne des Wortes gegen den Müll und damit die Verschandelung einer überaus historischen Landschaft über und ganz besonders unter der Erde. So wurde diese Grube Messel vor allem als Fundstätte fossiler Säugetiere, wie die der berühmten Urpferde, Fledermäusen, Raubtieren durch ihren Detailreichtum, ihre Vollständigkeit, ihre Farben und ihre Ästhetik immer bekannter und erlangte Weltruhm. Das Fenster in die Urwelt und die „Zeit der Morgenröte“ vor 47 Millionen Jahre öffnete sich immer weiter.

Darum protestierten Wissenschaftler und die Bevölkerung immer heftiger gegen die 60-Millionen-Mülldeponie, sodass sie im Jahre 1988 aufgegeben wurde. Genauer: Der 1981 vom Oberbergamt Wiesbaden eingeleitete Planfeststellungsbeschluss zum Bau einer Mülldeponie wurde am 23. 11. 1988 vom Verwaltungsgerichtshof Kassel für rechtswidrig erklärt. 1990 gab die Hessische Landesregierung endgültig die Inbetriebnahme für eine Mülldeponie in der Grube Messel auf und kaufte 1991 die Grube für fünf Millionen Mark. Das war knapp. Der damalige hessische Umweltminister hieß Joschka Fischer, dem zu Ehren 2005 eine fossile Schlange als Palaeopython fischeri benannt wurde.

Und dann der größte Hit: Stolz sind nun alle hier, dass die Grube Messel am 9. Dezember 1995 in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit eingetragen wurde, das erste UNESCO-Naturerbe in Deutschland. Ein Riesenerfolg, der die Wissenschaftler und Bürger stark motivierte, sodass noch weiter bisher Unbekanntes zu Tage gefördert werden sollte und weiter wird.. Wie von der UNESCO zu erfahren war, „ist die Grube Messel eine der reichsten Säugetier-Fossilienstätten der Welt“. Geowissenschaftler bargen bis heute aus dem vor 47 Millionen Jahren entstandenen und verfüllten Maarvulkansee zirka 50.000 Einzelfunde, Säugetiere, wie das Urpferd, Fische, Insekten, Reptilien, Amphibien und eine Vielzahl von Pflanzenarten.



Besonders gut erhalten ist dieser zarte, bläulichgrün schillernde Prachtkäfer (Buprestidae), auch ein wunderschöner Messel-Fund. © Hessisches Landesmuseum Darmstadt (HLMD- Be 120).

Besonders gut erhalten ist dieser zarte, bläulichgrün schillernde Prachtkäfer (Buprestidae),
auch ein wunderschöner Messel-Fund.
© Hessisches Landesmuseum Darmstadt (HLMD- Be 120).

Wie aber kam es zu diesem unterirdischen Reichtum? Durch vulkanische Tätigkeit war ein etwa 300 Meter tiefer Explosionstrichter entstanden. Nach wenigen Jahren war vermutlich die Vegetation wieder geschlossen, so dass die steil abfallenden Kraterwände zunehmend vom Urwald überwuchert wurden und bei Regenfällen feinste Partikel in den entstandener See eingetragen wurden. Durch Verwesungsvorgänge wurde dem Wasser Sauerstoff entzogen. Am Boden bildete sich ein Faulschlamm, der aus Pflanzresten, Algen und Schwämmen bestand. Zusammen mit feinsten Tonmineralien ist der „Messeler Ölschiefer“ entstanden, in dem tote Tiere und Pflanzen, die auf den Grund sanken, eingebettet wurden. So kann der Besucher hier auch einen fossilen Prachtkäfer mit noch schillerndem Panzer, ein Schmuckstück aus der Messel - Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, bewundern, der im Hochzeitsflug wohl in den Kratersee purzelte!

Der Besucher kann in den Museen alle die Fossilien bewundern. Erhalten sind sogar noch die schillernden Panzer von vielen Prachtkäfern, Magen und Darminhalte, sowie Föten bei Fledermäusen und Urpferden.

Wegen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt ist zurzeit die Wanderausstellung „Messel on Tour“ mit 130 der wertvollsten Fossilien weltweit auf Reisen. Stationen sind noch Oslo, Stuttgart, Basel, Münster und Pittsburgh.

Familien mit Kindern und Schulklassen sind sehr gespannt auf die Entdeckungen „unter ihren Füßen“ in der Grube Messel. © Welterbe Grube Messel gGmbH

Familien mit Kindern und Schulklassen sind sehr gespannt auf die Entdeckungen
„unter ihren Füßen“ in der Grube Messel. © Welterbe Grube Messel gGmbH


„Steigen Sie ein“, heißt es am Grubenort, wo Besucher auf geführten Exkursionen von geschulten Fachwissenschaftlern und Fachwissenschaftlerinnen mit auf eine Zeitreise genommen werden und der Regenwald von vor 47 Millionen Jahre hautnah erlebbar wird. Dabei wird den Forschern über die Schulter geschaut, und, wer Glück hat, kann auch einmal eine „handfeste“ Überraschung erleben. So gab es im vergangenen Jahr große Aufregung in der Grabungssaison des Forschungsinstituts Senckenberg: Schülerinnen und Schüler unter Leitung ihrer Führerin erlebten mit, dass sich Ungewöhnliches ereignet hatte. Denn die Grabungsmannschaft machte sich in einem Grabungsabschnitt aufgeregt zu schaffen, Beweis für den Fund eines größeren Fossils, was eine schwierige Bergung bedeutet. Die Schnauze eines größeren Reptils war zu erkennen. Ein Krokodil? Uralt von vor vielen Millionen Jahren! Vorsichtige und umfangreiche Sicherungsarbeiten waren nötig bis zum Weg ins Labor, um dann in der Außenstation der wissenschaftlichen Werkstatt weitere Präparationsarbeiten zur Erhaltung möglich zu machen.

So ist jeder Tag ein Abenteuer, wie auch der Fund einer Laubheuschrecke mit den Vorderflügeln 6,5 Zentimeter lang und 47 Millionen Jahre alt!
Die Grube Messel gibt immer wieder Neues preis: Vollkörperskelette, Haut- und Haarabdrücke, Muttertiere mit Föten und Mägen mit der letzten Mahlzeit. Faszinierend sind also auch die Exponate in den Messel - Museen in Darmstadt, in Frankfurt am Main und in Messel.

Von der Plattform lässt sich das gesamte Gelände der Grube Messel bestens überblicken.© Welterbe Grube Messel gGmbH

Von der Plattform lässt sich das gesamte Gelände der Grube Messel bestens
überblicken.© Welterbe Grube Messel gGmbH

Weil das Interesse an diesen Entdeckungen immer weiter steigt, wird das im Bau befindliche neue Besucherzentrum „Die Zeit und Messel -Welten“ ab 2009 neuartig erlebbar werden. Dieses „Fenster in die Vergangenheit“ öffnet sich zirka zehn Kilometer östlich von Darmstadt im Wald des Messeler Hügellandes.

Diese Gegend gibt Außerordentliches preis, und da mag man mit Albert Einstein der Meinung sein: „Das Schönste, was wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle“.
 

Information und Beratung:
Dr. Marie-Luise Frey, Dipl.- Geologin, Geschäftsführerin der Welterbe Grube Messel gGmbH.
Dr. Gabriele Gruber, Dipl.- Geologin, Leiterin der Abteilung Naturgeschichte im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.
Susanne Kiermayr-Bühn, Dipl. Geographin, Öffentlichkeitsarbeit und PR Welterbe Grube Messel gGmbH

 

www.grube-messel.de
www.HLMD.de
www.senckenberg.de
www.unesco-welterbe.de
www.unesco.de
www.unesco.org
http://maarworldmap.gfz-potsdam.de

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Beitragsdatum: 18. Oktober 2008