In der Bundesstadt Bonn ist der „Napoleonismus“ ausgebrochen. Kaiser Napoleon ist immer noch einen Besuch wert: In der Bundeskunsthalle in Bonn. Bonns Musikersohn widmete seine „Eroica“ Napoleon und nahm sie wutentbrannt wieder weg. Die Attraktion dieses geschichtsträchtigen Mannes ist ungebrochen: Napoleon und Europa – Traum oder Trauma
Von Dorothea F. Voigtländer
In Bonn ist der „Napoleonismus“ ausgebrochen, die Ausstellung Napoleon und Europa –Traum oder Trauma hat eine enorme Anziehungskraft, und sprengt Besucherrekord. Seit über zweihundert Jahren hat Napoleon Bonaparte, einst Söldner aus Korsika, dann endlich Kaiser nach seiner Selbstkrönung in der Kirche Notre Dame de Paris, nichts von seiner Attraktion verloren. Darüber freuen sich die Verantwortlichen der Bundeskunsthalle in Bonn, und vor allem die Kuratorin Bénédicte Savoy, französische Professorin in Berlin, und aus Paris Yann Potin, wobei es eine Tatsache ist, dass bis in die heutige Zeit kaum ein anderer aus dem Reigen der Vergangenheit in Europa immer noch die Gemüter so sehr beherrscht wie Napoleon. Aus dem einfachen Korsen machte er sich selbst am 2. Dezember 1804 zum Kaiser, der auch seine angetraute Joséphine in der Kirche Notre Dame in Paris gleich als Kaiserin mitkrönte.
Kurz zusammenfassend kann festgestellt werden, dass diese Persönlichkeit Napoleons (1769-1821) das politische Gesicht Europas wie kein anderer seit Karl dem Großen (742-814) so nachhaltig geprägt hat. Napoleons Kaiserreich war in Europa Vorbild eines modernen effizienten Staates auf der Basis republikanischer Werte, der Kunst mit Glanz und Gloria, dann dem Trauma immerwährender kriegerischer Auseinandersetzungen. Seine Politik war auch immer seine Familienpolitik, denn die wichtigsten Posten in Europa „besetzte“ er mit Familienangehörigen. Der Historiker Thomas Nipperdey fasste die Persönlichkeit Napoleons treffend zusammen: „Am Anfang war Napoleon, er war der Zerstörer des alten deutschen Reiches und zugleich Schöpfer des modernen Deutschland, ja Europa“.
Und immer wieder stellt sich die Frage: Wer war dieser Mann, Halbgott oder ein Ungeheuer? Der Mythos dieses Napoleon Bonaparte ist geblieben, Schlupflöcher für neue Erkenntnisse bleiben noch genug. „Immerhin hat Bonaparte (1769–1821) in seiner knapp 16-jährigen Regierungszeit die Grundlagen der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wie keine andere historische Persönlichkeit geprägt – im Positiven wie im Negativen. Die von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland entwickelte Ausstellung zeigt exklusiv ein umfassendes Bild von Napoleon und seiner Zeit anhand hochrangiger Leihgaben aus ganz Europa: Malerei und Skulptur liefen damals zur Hochform auf – in den Propagandabildern von David, Gérard und Ingres wie in der Opposition mit Goya und der deutschen Romantik. Abseits der Klischees vom Kriegstreiber oder übergroßen Staatsmann setzt sie sich zum Ziel, ein differenziertes Panorama der napoleonischen Ära zwischen Krieg, Politik, Verwaltung, Propaganda, Kunstraub und Kulturblüte darzustellen“, so heißt es in der Presseankündigung. Und dieses Ziel hat die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik mit dieser Ausstellung Deutschland erreicht.“
Doch das war nicht alles. Die überaus informative Ausstellung in Bonn weitet die Informationen fächerartig über das Leben, die Politik in ganz Europa und was vor allem die Person Napoleons angeht, weit aus. Selbst für Kenner der Historie sind Überraschungen dabei. Das Datum der Kaiserkrönung war auch für Bonns großen Musikersohn, Ludwig van Beethoven, ein wichtiges Ereignis, denn der von ihm bis dahin so bewunderte Napoleon, ein Vorbild gar für die große Politik, das blieb der Machtbesessene mit der Kaiserkrönung nicht mehr. Beethoven, der damals in Wien weilte, hatte gar seine 3. Sinfonie in Es-Dur, seine „Sinfonia grande, intitulata Bonaparte“, die „Eroica“, Napoleon gewidmet. Noch heute ist auf dem Partiturmanuskript deutlich die mit wütenden Strichen versehene Widmung zu erkennen – auch in dieser Ausstellung zu sehen. Und dennoch, Beethoven kam dann doch noch was Europa betrifft, zum Zuge, viel später, denn seine 9. Sinfonie wurde die Europahymne: „Freude, schöner Göttefunken“ nach einem Text von Friedrich von Schiller.
Und um Europa geht es auch bei der aktuellen Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. „Napoleon und Europa - Traum oder Trauma“. Diese Ausstellung wurde von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn entwickelt und feiert in der Bundesstadt Premiere. „Bis in die heutige Zeit beschäftigt Napoleon die Gemüter“, bestätigte bei der Eröffnung der Ausstellung der Leiter der Napoleongedenkstätte des Musée de L’Armée im Invalidendom in Paris, Le Général Robert Bresse. Er lobt vor allem die Ausstellungskuratorin Bénédicte Savoy, die seit April 2009 Professorin am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität in Berlin ist. Ihre „Handschrift“ zieht sich durch diese Ausstellung voller Licht und Schatten einer Persönlichkeit wie Napoleon und der Zeitzeugen, die vom Ruhm und tiefsten Niederlagen berichten wie aus zahlreichen Dokumenten und Kunstwerken das genau auf den Punkt gebracht wird. An ihrer Seite steht für Paris Yann Potin, Angelika Francke ist die Ausstellungsleiterin in Bonn.
Und damit die zwei Seiten einer Persönlichkeit wie Napoleon. Es sind die beiden gegensätzlichen Seiten eines Mannes wie Napoleon, der Europa mit seinen Kriegen aufmischte, sogar darüber hinaus bis Ägypten, sich damit mit Glanz und Gloria in der Kunst inszenieren ließ, andererseits aber das Trauma immerwährender Kriege heraufbeschwor, ein schreckliches Beispiel einer menschenverachtenden Kriegsmaschinerie.
Bis zum 25. April 2011 wird diese spektakuläre Schau gezeigt, die erstmals ein differenziertes Bild über die positiven und negativen Auswirkungen der 16-jährigen napoleonischen Ära aufzeichnet mit über 400 Exponaten (auch aus dem Bonner Stadtarchiv) und dem passenden Titel „Traum oder Trauma“. Dieser Titel treffe die Zielsetzung dieser Ausstellung genau, so der französische General Robert Blesse. In der französischen Sprache sei dem nichts Passenderes als „Le Rêve et la Blessure“ entgegenzusetzen, was sprachlich nicht diejenige wie im Deutschen so punktgenau treffen könne. Diese Zeit um die schillernde Persönlichkeit Napoleons wird in zwölf Kapiteln interpretiert: die Zeit der Kriege, der Politik, Verwaltung, Propaganda, Kunstblüte und Kunstraub.
Als Paradox erschien Napoleon auch schon seinen Zeitzeugen, wie aus den fleißig und klug recherchierten alten Schriften und hier ausgestellten Stücken und Gemälden dieser Ausstellung in Bonn klar zu erkennen ist. Denn die erzwungene europäische Integration durch Kriege und Besetzung fachte die Widerstandsbewegung im damaligen „Europa“ an, dass mit Kriegen Söldnerrekrutierungen über die Grenzen Frankreichs hinweg, vielen Schlachten und Besetzungen aufgemischt wurde. Das beweisen auch die vielen Spottbilder, die ebenfalls in dieser gelungenen Ausstellung ihren Stellenwert haben. Paris war als Mittelpunkt des imperialen Traums von Napoleon auserkoren, ein europäisches Mekka der Künste und Wissenschaft. Und eine Stadt, in der seine Gegner, oder auch seine Gegnerinnen wie Madame de Staël, nichts zu suchen hatten, ja, verfolgt und ausgewiesen wurden, auch wenn sie die Tochter des ehemaligen Finanzministers Necker im königlichen Frankreich gewesen war.
Und wie in den Analen des Bonner Stadtarchivs nachzulesen ist, kam Napoleon schon am 16./17. September 1804 nach Bonn, kaum ein Vierteljahr vor seiner Kaiserkrönung, um zu erforschen, ob diese Stadt eine Festung werden könnte. Die Bonner bejubelten damals hocherfreut den neuen Herrscher aus Frankreich, der mit seiner zukünftigen Frau Joséphine hier in dieser Stadt auf Einladung des Grafen von Belderbusch, übernachtete. Die Glocken läuteten, Triumphbögen überspannten die Straßen, es gab Musik und Feste. Die Bonner wussten immer schon zu feiern, obwohl sie ja eigentlich in einer „besetzten“ Stadt lebten und noch bleiben sollten. Und weil Joséphine nun auch noch die Patin des jüngsten Sprösslings aus dem Hause Belderbusch wurde, da erkor Napoleon den Grafen zum Bürgermeister, zum Maire, von Bonn. Das blieb der nun auch bis 1812 und noch zwei weitere Jahre.
Zu diesem Besuch gab und gibt es immer noch eine Geschichte besonderer Art: Der sportliche und selbstbewusste Reiter Napoleon soll auf dem Weg zurück vom Kreuzberg oder bei einem Ritt über das Kopfsteinpflaster der Vogtsgasse am Rhein vom Pferd gefallen sein. Napoleon, der abergläubiger Korse, soll wegen dieses Sturzes den Plan, Bonn zur Festungsstadt zu machen, aufgegeben haben. Der Leiter des Bonner Stadtarchivs, Dr. Norbert Schloßmacher, verweist auf städtische Archivalien, in denen nachzulesen ist, dass während eines scharfen Ritts Napoleons um die Stadt Bonn der ihn begleitende Unterpräfekt Johann Joseph Eichhoff vom Pferd am Kreuzberghang gefallen ist und nicht der sportliche Napoleon. Diese „Blamage“ ist aktenkundig.
Und noch ein Ereignis ist hier erwähnenswert: Denn Napoleon hatte zuvor auch die Stadt Köln besucht, dann, nach Bonn in Richtung Koblenz kam er auch am Rolandsbogen vorbei, und hier erhörte er auf Anraten seiner Frau Joséphine die Bitte der Ordensdamen von Nonnenwerth, per Dekret vom 30. Oktober 1804 das Kloster nicht zu säkularisieren wie die anderen kirchlichen Einrichtungen auf der linken Rheinseite. Richtig ist auch, dass Napoleon noch einmal in die Stadt Bonn am Rhein kam und auf der Poppelsdorfer Allee eine Truppenparade abnahm: Es war der 6. November im Jahre 1811, da warf der Kaiser einen Blick vom Finkenberg bei Beuel auf die gegenüberliegende Stadt Bonn auf der anderen Rheinseite. Bei diesem „Überblick“ entschloss er sich nun endgültig, dass aus Bonn keine Festungsstadt zu machen war. Die Bonner Bürger waren erleichtert, denn nun kannten sie „den Kaiser“ doch besser als im Jahre 1804.
Diese Ausstellung ist wirklich zu empfehlen. Hier wird ein wichtiges Stück Geschichte beleuchtet. Kleine und scheinbar unwichtige Einzelinformationen ergänzen klug den Gesamteindruck einer Zeit, in der neue soziale und geografische Mobilität mit neuen Freiheitsideen durch Gesetzgebung in die Zukunft wiesen, bis ins Heute hinein. Wer vorher nicht viel von Napoleon und seiner Zeit bis heute gewusst hat, geht mit prallen Eindrücken aus dieser Ausstellung. Und noch einmal: Diese Ausstellung wurde von kompetenten Damen und Herren auch der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn entwickelt, und ist bis zum 25. April 2011 hier zu sehen. Dann erst wird sie, nach dieser Premierenausstellung, in Paris zu sehen sein, dem Koordinationspartner dieser Ausstellung. Und dann ausgerechnet im Musée de L’Armée in Paris, wo Napoleon im Dom des Invalides sein Grabmal hat! Wo sonst?
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