Geschichten rund um den „freundlichen“ Weihnachtsbaum voller Süßigkeiten für Schleckermäuler
Köstliche Leckereien sind beliebter als Christbaumschmuck - Kinder haben den „Freßbaum“ zum Fressen gern
Friedrich Perthes überreicht seiner Braut Caroline Claudius einen vergoldeten Apel vom Tannenbaum 1796. Holzstich von Hugo Bürkner nach Zeichnung von Th. v. Oers: Weihnachtsabend auf dem Wandsbecker Schloß, 1796. © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Es duftet nach Tannennadeln und süßen Leckereien, denn endlich steht der Weihnachtsbaum fest verankert in seinem Ständer auf dem angestammten Platz im Wohnzimmer. Möbel wurden zur Seite gerückt, Bilder abgehangen, Sessel mussten ihren Platz räumen, während der stolze, frische Baum - ein erster Willkommensgruß - schon so richtig heimelig im ganzen Haus nach frischem Tannengrün duftet. Da bleiben der Fantasie keine Grenzen gesetzt, ihn zu schmücken: einfach, viel Grün freilassend, mit bunten Kugeln und Schleifen, mit viel silbernem oder goldenem Lametta oder mit Engelhaar. Doch nicht nur der hoffnungsvolle Nachwuchs wünscht sich mehr und mehr einen „Freßbaum“ voller Süßigkeiten. Und dafür gibt es sogar historische Vorbilder.

Die roten Pralinenherzen lassen tatsächlich alle Herzen höher schlagen.© Foto: Tourismus Flandern-Brüssel
Die köstlichste Beschreibung eines solchen „Freßbaumes“ bringt der Simplizianische Wundergeschichts - Calender im Jahre 1795, erschienen in Nürnberg. Da berichtet der Historienerzähler über einen Christkindlbaum: „In allen Aestchen und Zweigen hiengen nun allerhand kostbare Conditor- und Zuckerwaren als Engel, Puppen, Thiere und dergleichen, alles von Zucker. Ferner hieng auch vergoldetes Obst von allen Sorten in großer Menge daran, so dass man unter diesem Baum wie in einem Speisegewölbe sich befand: und es ist nur jammerschade, dass nicht auch Schinken und Bratwürste (wovon ich ein großer Liebhaber bin) und Schwartenmägen, Ochsenfüsse, nebst gebratenen Tauben dran hiengen. In der Mitte befand sich der Heilige Geist in seiner gewöhnlichen Gestalt als eine allerliebst schöne Taube von Zucker, zur Rechten hieng das Christkindlein, und zur Linken seine Mutter – gar niedlich anzusehen, und alles von Zucker, so dass ich beyde, die Jungfrau Maria nebst ihrem Kinde, vor Liebe wohl hätte fressen mögen, wenn es wäre erlaubt gewesen.“
Selbst in der Literatur hat der „prächtige Anblick“ eines mit Süßigkeiten behängten Weihnachtsbaumes seinen Platz gefunden. In Goethes „Werther“ setzte „die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung“. In seinem Roman „Jubelsenior“ schwärmt der Schriftsteller Jean Paul 1797 von den mit essbaren Dingen behängten Weihnachtsbäumen: „ In einigen der nächsten Häuser waren schon die Frucht- oder Zuckerbäume angezündet und die von der Musik zu bald geweckten Kinder hüpften um die brennenden Kerzen auf den Zweigen und das versilberte Obst“. Jean Paul schwärmt weiter von dem „beladenen, mit Goldquasten von Äpfeln und mit Nuß- und Fruchtschnüren und Hängezucker illuminierten Baum der Erkenntnis“.
Im romantischen Überschwang schildert auch E. T. A. Hoffmann in seinen Märchen den „süßen Baum“. In „Nussknacker und Mäusekönig“ heißt es 1819: „Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldne und silberne Äpfel, und wie Knospen und Blüten keimten Zuckermandeln und bunte Bonbons und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt aus allen Ästen“. Drei Jahre später lässt er in dem Märchen „Meister Floh“ die Hauptfigur Peregrinus am Weihnachtsabend arme Kinder beschenken: …“Noch nie hatte der Weihnachtsbaum solch reiche Früchte getragen, denn alles Zuckerwerk, wie es nur Namen haben mag, und dazwischen manche goldene Nuß, mancher goldene Apfel aus den Gärten der Hesperiden hing an den Ästen, die sich beugten unter der süßen Last.“

Spekulatiusgebäck und Weihnachten, das gehört einfach zusammen, da sind die Weihnachtsbäcker einfach Spitze. © Foto: Tourismus Flandern-Brüssel
In einem Epos aus Schleswig wird 1856 von einem „freundlichen Baum“ berichtet, an dem, an Fäden befestigt, „schaukelte lockend schön verziertes Gebäck aus Marzipan und aus Blatteig“. Da hingen Pflaumen, Feigen und die so beliebten Rosinen, rotwangige Äpfel und zarte Birnen. In der Küche waren die tollsten Kunstwerke gezaubert worden, die nun am Baum hingen, zum Bewundern und später zum Verschlecken.
Doch nicht nur Süßes hing an so manchem Baum, denn eine Frankfurterin berichtet 1895, dass zwischen Girlanden an der untersten Reihe der Zweige winzige frische Würstchen hingen, die von den Kindern noch am gleichen Abend verspeist werden durften. Und dann wird von vergoldeten Nüssen und Früchten berichtet, und sogar von Kartoffeln, die vergoldet im Baum hingen. In Westfalen schmückten braune Haselnüsse die Zweigspitzen, dort hieß der Nussbaum auch „Nurteboom“. In der Pfalz nannte man den Weihnachtsbaum den „Zuckerbaum“. In der Wittenberger Gegend gab es den Rosinenbaum.
Ein Familienfest löste ein kleines Schächtelchen aus, dass der Bräutigam als besondere Kostbarkeit für seine geliebte Braut in den Baum gehangen hatte. Mit dem glitzernden Verlobungsring war dann das ganz besondere Weihnachtsfest gesichert. - Über „kostbare“ Weihnachtsbäume erfährt man auch von der englischen Königin Victoria, die ihren dreizehn Meter hohen Baum mit „einer Fülle passender Geschenke im Wert von ungefähr 10.000 Pfund“ behängte, nachdem sie sich 1840 mit dem deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg vermählt hatte. Und eine englische Schriftstellerin weiß von einer Weihnachtsbescherung im Hause des Fürsten Metternich im Jahre 1837 zu berichten, dass dort ein hoher Fichtenbaum in der Mitte des großen Salons überaus kostbar „mit niedlichen Spielsachen, Bijous und Bonbons“ beladen war.
Die Normalbürger erfreuten sich an Obst und Backwerk im Baum, vielleicht an einem selbst geschnitzten Holzpüppchen oder gar notwendigen Kleidungsstücken. Das war dann ein richtiger „Gabenbaum“, so, wie man ihn in Frankreich und England kannte. Der Baum war mit Geschenken behangen, und dafür gab es keinen extra Gabentisch, sondern eben den „Gabenbaum“, der an fast jedem Zweig eine kleine oder größere Überraschung für die Familienmitglieder bereit hielt.
Doch die „Plünderung“ schon am Weihnachtstag selbst war eine Seltenheit. Die Augen der großen und kleinen Kinder schauten zwar begehrlich auf den Freßbaum, und natürlich wurde heimlich immer wieder genascht. Endlich war es dann soweit: Am Drei-Königs-Tag, dem 6. Januar, bei vielen jedoch erst an Maria Lichtmeß, dem 2. Februar, durfte alles Essbare vom Baum aufgegessen werden. Da gibt es jenen berühmten Prediger Dannhauer, der sprach schon 1642/46 von der Sitte des „Abblümens“.
Doch die Zeiten wandelten sich und mit ihnen die Gewohnheiten: So bedauert ein Lehrer aus Fischbach in der Pfalz 1902: „Das Essbare verschwindet, Glas und Flitter treten an seine Stelle“. Da gab es gebastelte Glöckchen, Papierblumen, versilberte oder vergoldete Tannenzapfen und glänzende Glaskugeln, in denen sich das warme Licht der brennenden Kerzen brach. So berichtet Theodor Storm1884 von seinem Weihnachtsbaum „mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunklen Zweigen hängen“.

Pralinen in allen Geschmackssorten, innen gefüllt oder außen wie hier mit einer Nuss verziert. © Foto:Tourismus Flandern-Brüssel
Und weiter wandelten sich die Zeiten, als in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gar eine Industrie für Christbaumschmuck aufblühte. Die Thüringer Glasbläser stellten kunstvolle Glaskugeln her und Vögel, Musikinstrumente oder Nüsse aus Glas. Um Nürnberg entstand Christbaumschmuck mit Figuren aus Metalldrähten, Sternen und Tieren. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Und sogar der Baumständer, einst aus Holz gefertigt, wurde nun als Zierrat in Gußeisen verarbeitet. Alles wurde einfacher, was allerdings kritisiert wurde wie in dem Familienjournal „Die Gartenlaube“ 1883: „Wer von uns Aelteren hätte wohl in seiner Jugend geglaubt, dass man seinen Christbaum anders schmücken könnte als mit vergoldeten Aepeln und Nüssen … oder mit Marzipan und Pfefferkuchen, den die Mutter selbst gebacken?“
So war also auch der Weihnachtsbaum den Modeströmungen unterworfen. Doch heute wird es mehr und mehr wieder Mode, zwischen den glitzernden Schmuckaccessoires auch Leckereien in den Baum zu hängen, damit es wieder ein „freundlicher Weihnachtsbaum“ wird. Die großen und die kleinen Familienmitglieder und Freunde sind dann begeistert, wenn der leckere Weihnachtsbaum dann endlich geplündert werden darf. Aber erst noch sollte er gebührend bewundert und gefeiert werden!

Sie sehen aus wie echte Beeren, doch diese Pralinen verwöhnen den Gaumen mit süßem Genuss. © Foto: Tourismus Flandern-Brüssel
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