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Buchtipp | Mein Bonn - Zeitzeugen-Erinnerungen aus Bonn und Umgebung von Dorothea F. Voigtländer

Zeitzeugen -Erinnerungen erzählen mehr als nur ihre Geschichten – Es ist ein interessantes und nützliches Buch gegen das Vergessen
„Mein Bonn“ füllt eine spürbare Lücke in der Vielfalt der bisher erschienen Bonn-Bücher
Dorothea F. Voigtländer

Bouvier Lesung Bonn
Foto ULB

Die Stadt Bonn einmal ganz anders, diese Stadt am Rhein, voll praller Geschichte seit über 2000 Jahren, und dann von 1914 bis 1998 angereichert mit Zeitzeugen-Erinnerungen aus Bonn und Umgebung von Menschen, die hier gelebt haben und noch leben. Dieses Buch füllt eine – erst durch dieses Buch spürbare Lücke in der Vielfalt der bisher erschienenen Bücher über Bonn. Für Bonner wie auch Nicht-Bonner kann das im Zeitgut Verlag Berlin herausgekommene Buch gleichermaßen von Reiz sein, deckt es doch mit seinen 53 Beiträgen von und über 24 Zeitzeugen aus der ehemaligen Bundeshauptstadt und dem heutigen Bundesbonn den bewegenden Zeitraum der Jahre von 1914 bis 1998 ab.

 Mein Bonn Cover
Bereits der Einband des Buches, dessen linke Hälfte das heute fein herausgeputzte Bonner Rathaus bei strahlend blauem Himmel zeigt, während auf der rechten Hälfte die zerbombte Ruine des Gebäudes im Jahre 1948 abgebildet ist, stellt den Anspruch des Buches dar: Es möchte Geschichte ‚sichtbar’ und zum Greifen nah machen. Dem persönlichen Anteil, dem Erleben und den Erinnerungen räumen die Autorinnen und Autoren deshalb viel Platz ein. „Die Gegenwart soll aus der Vergangenheit heraus verstanden werden“, ist die Zielsetzung der Herausgeberin Dorothea F. Voigtländer.

Viele Kollegen von der schreibenden Zunft wie Fides Krause-Brewer, Dr. Helmut Herles, Dr. Manfred van Rey, Bernd Leyendecker, Gisela Kicker, Oberstudiendirektor a. D. Werner Trutwin, Dr. Horst-Pierre Bothien, Edmund Els und Rüdiger Franz sind als Autoren dieses Buches dabei, Persönlichkeiten, die weit über Bonn hinaus bekannt sind, aber auch Lehrer, Hausfrauen, Uni-Professoren, Sekretärinnen, Kraftfahrer und Landwirte greifen zur Feder. Sie alle haben mit ihren Geschichten zu einem bewegenden Kaleidoskop der Bonner Historie beigetragen. Eine übersichtliche Stadtchronik „Bonn im 20. Jahrhundert“ , von der Herausgeberin zusammengestellt, zeigt die Sternstunden dieser Stadt am Rhein auf.

Und doch: Zahlen, Daten und Fakten, die in Form von Abbildungen und einer ausführlichen Stadtchronologie im Buch enthalten sind, mögen bereichernd, notwendig und informativ sein - doch wenn Erzählungen, amüsante, traurige und nachdenklich machende Anekdoten die grauen Zahlen zum Leben erwecken und zum Nacherleben persönlicher Erlebnisse, liest sich dieses Buch wie ein spannender Roman. In authentischen Erinnerungen entstehen die letzten Kaiserjahre vor unseren Augen, Einwohner der Stadt erzählen von den Schrecken des „Tausendjährigen Reiches“ und des Widerstandes gegen das Nazi-Regime, von den Bombenjahren des Zweiten Weltkrieges und den Anfängen der neuen Demokratie. Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft schildern ihren Neuanfang, und damals junge Mädchen gewähren Einblick in ihre schwierigen ersten Nachkriegsjahre, als die Mütter hart mit anpacken mussten, um den Wiederaufbau zu bewältigen. Und weil viele Mütter handfest am Wirtschaftswunder mitarbeiten mussten, erledigten die „Schlüsselkinder“ schon in sehr jungen Jahren ganz selbstverständlich ihre „Hausfrauenpflichten“.

Wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben, beweisen Berichte über die Schulzeit, die ersten Tanzstunden, die ersten Gastarbeiter aus Italien, als es im stetig wachsenden Wirtschaftswunderland mehr Arbeit als Arbeitnehmer gab. Und so wird der Faden weiter gewoben in die nächsten Jahrzehnte, denn gerade im 20. Jahrhundert erlebten die Menschen in dieser Stadt eine außergewöhnlich facettenreiche Zeit, die ihr eigenes Leben auf ganz besondere Weise beeinflusste.
„Der Schlüssel der Geschichte ist nicht in der Geschichte, er ist im Menschen“, schreibt die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann in ihrem Vorwort für das Buch und erläuterte diesen Gedanken noch ausführlicher bei der ersten Präsentation dieses Buches im Alten Rathaus zu Bonn. Und weiter heißt in ihrem vorwort: „Mein Bonn“ ist ein Schlüssel zur Geschichte, zu Erinnerungen und Geschichte von Menschen, die während des letzten Jahrhunderts in unserer Stadt lebten. Einige wirken noch tatkräftig unter uns“.

 Buchvorstellung Mein Bonn
Foto: Georg Schmidberger

 Bärbel Dieckmann attestiert diesem Buch eine spannende und unterhaltsame Lektüre. Der Herausgeberin Dorothea F. Voigtländer, in Bonn geboren, eine langjährige Bonner Journalistin und Buch-Autorin, ist es gelungen, eine bunte Mischung von Zeitzeugen zu finden. Als Bonner Pflanze weiß sie genau, wo die schönen Geschichten blühen. Sie hat auch selbst 13 Erinnerungen „vom Rande“ aufgelesen. Hübsch komponiert mit den anderen Beiträgen, ergibt sich eine staunenswerte Melange von faszinierenden ganz persönlichen Alltags-Erinnerungen und Schicksalen.
Stets spiegelten sich im Nachkriegs-Bonn, auch die politischen Veränderungen Deutschlands wider. Bonn wurde 1949 provisorische Bundeshauptstadt der Bundesrepublik Deutschland; am 18. Januar 1973 bestätigte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt im Deutschen Bundestag Bonn als endgültige Hauptstadt. Staatsbesucher „zum Anfassen“ zeigten den Bonnern oft stellvertretend für alle Deutschen ihre persönliche Sympathie. Und die Bonner bewiesen durch herzliche Präsenz auf der Straße, wie sehr sie die Queen liebten und Charles de Gaulle bestaunten. Diplomatische Vertreter aus aller Welt siedelten sich in der Nachkriegs-Hauptstadt an und gehörten hier zum Alltagsleben.

Mit seinen Zeitzeugen-Erinnerungen spannt das Buch einen weiten Bogen von der Bonner Republik bis hin zum Bonn-Berlin-Beschluss, der schmerzhaft den Fortzug von Parlament und Regierung besiegelte. Damals hatten die Menschen „noch Tränen in den Augen“; heute ist so manch einer davon überzeugt, dass Bonn durch den Umzug eine neue Chance erhalten hat, sich zu einer internationalen Stadt mit rheinischem Flair im Herzen Europas weiterzuentwickeln, wie einige Autoren zu berichten wissen. Damit erscheint Bonn dem Leser, der sich in der einen oder anderen Alltags-Geschichte selbst wieder finden kann, oder der Ähnliches erlebt hat, in einem ganz persönlichen Licht. Fotos und Dokumente aus dem Besitz der Zeitzeugen sowie aus dem Bonner Stadtarchiv, belegen die privaten Erlebnisse. Allein deshalb ist das Buch in seiner Art eine bereichernde Ergänzung der umfangreichen Literatur über diese Stadt.

Bonn war schon immer offen für neue Ideen: Die UN ist mittlerweile in das ehemalige Regierungsviertel eingezogen und mit dem Start des Internationalen Kongresszentrums Bundeshaus Bonn (IKBB) entwickelt sich diese Stadt zu einer internationalen Kongressstadt, so schreibt ein heimischer Journalist. Das politische Bonn und die heitere rheinische Lebensart mit ihren Feiern und dem Karneval prägten seit jeher das typische Lebensgefühl in der idyllisch am Rhein gelegenen Stadt. Am 18. Oktober 1818 gegründet, gehört die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität heute mit mehr als 35.000 Studierenden zu den großen Universitäten in Deutschland. Einst studierten auch die preußischen Kaisersöhne hier, auch daran wird erinnert. Der hohe Anteil der heutigen Studenten an der Gesamtbevölkerung hat das Durchschnittsalter auf knapp 41 Jahre sinken lassen. Dass Bonn schon früher eine junge und heitere Stadt war, bezeugt der bekannte Bonner Schriftsteller Wilhelm Schmidtbonn (1876-1952): „Alte Leute, die wieder jung werden wollen, sollten nach Bonn kommen, um in diesem Jungbrunnen unterzutauchen“, schrieb er.

„Mein Bonn“ ist ein hilfreiches Buch gegen das Vergessen. Auf die Bitte, „erzähl doch mal, wie’s früher wirklich war“, bietet es mehr Antworten, als ein einzelner zu geben hätte. Die hier beschriebene Vergangenheit der Menschen und ihr Leben in dieser Stadt hilft nachfolgenden Generationen, Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen, und gibt den Neubürgern Bonns einen vielschichtigen Einblick in die Vergangenheit ihrer neuen Heimat. Damit ist „Mein Bonn“ nicht nur ein interessantes, sondern auch ein in vieler Hinsicht wertvolles und nützliches Buch. Und es beinhaltet Geschichtswissen weit über das hinaus, was die Lehrbücher bieten. Einzelne Beiträge sind bereits in einem der 21 Bände der Reihe ‚Zeitgut’ erschienen, der größte Teil der Erinnerungen ist jedoch hier erstmals veröffentlicht.

Man muss keineswegs Bonner sein, um Freude an dieser Sammlung von Erinnerungen zu haben. Vieles klingt vertraut und könnte auch in anderen Städten passiert sein. Und doch: das Quäntchen rheinischen Humors, das nahezu in fast jeder Geschichte aufblitzt, ist ohne Zweifel den Bewohnern (auch den neuen!) der ehemaligen Bundeshauptstadt, heute dem Bundesbonn, zuzuordnen. Hat man beim Lesen dieses Buches erst einmal den Charme der Vielfalt der Erinnerungen lieben gelernt, erfährt man gern, dass in der gesamten Reihe ‚Zeitgut’ noch mehr als 6.500 weitere Buchseiten mit Erinnerungen aus ganz Deutschland auf die Leser warten.

 Dorothea F. Voigtländer
Mein Bonn
Zeitzeugen-Erinnerungen aus Bonn und Umgebung. 1914 -1998

ZEITGUT Regional Band 1
Zeitgut Verlag GmbH, Berlin 2007
288 Seiten mit vielen Abbildungen und Dokumenten.
Klausenpaß 14, 12107 Berlin
Telefon 030-70 20 93 0, Telefax 030-70 20 93 22
E-Mail: info@zeitgut.com
www.zeitgut.com
Herausgeberin: Dorothea F. Voigtländer
ISBN 3-86614-131-9
ISBN13: 978-3-86614-131-5
12,90 Euro

 

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