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Prof. Loïc Wacquant - Bestrafen der Armen

 

Bücher - Buchtipps

 


Ein wichtiges, spannend geschriebenes und nachdenklich machendes Buch

 

Bestrafen der Armen

 

 

Von Dorothea F. Voigtländer

 

 

Dem Autor Loïc Wacquant ist es mit seinem Buch „Bestrafen der Armen“ gelungen, Nachdenklichkeit aufkommen zu lassen, wenn es um die Themen der in vielen Ländern – auch in Deutschland – überbelegten Gefängnisse geht, wenn Autos in den Vorstädten von Paris in Brand gesetzt werden, wenn illegale Migranten und vor allem Migrantinnen verfolgt werden. Er stellt die sicherlich berechtigte Frage, ob alle diese Ereignisse in einem Zusammenhang zu sehen sind. Da muss sich der Leser durch dieses kompakt geschriebene Buch mit seinen zahlreichen prallen Nebenthemen und gut erarbeiteten Rechercheangaben schon mit etwas Mühe hindurchkämpfen, zumal der Untertitel „Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit“ nicht unbedingt durch Erklärung hilft.

 

In seinem Vorwort setzt er die USA an die Spitze „als Labor für die neoliberale Zukunft“ mit seinem Zitat von Emile Durkheim, Erziehung, Moral und Gesellschaft, 12. Vorlesung, „Die Schulstrafe“, 1902 und hebt dabei hervor: „Strafen heißt verdammen und tadeln“. Eigentlich hat er damit schon seine Ideen auf den Punkt gebracht. Und dann geht es um die „Sicherheit“.
Wiederum ausgehend von der US-amerikanischen Situation macht der Autor einen Trend aus, Armut, gesellschaftliche Prekarisierung zu kriminalisieren: Das bedeutet, gesellschaftliche Problemgruppen werden kriminalisiert und weggesperrt.

 

Lange ist bekannt, dass in den USA Afro-Amerikaner überdurchschnittlich häufig straffällig und auch zu Gefängnisstrafen verurteilt werden – eine Entwicklung, die im Umgang auch (west)europäischer Polizei und Rechtsprechung mit „Verbrechern“ aus sozial schwachen Gruppen ihren Widerhall findet. Wegsperren als Lösung sozialer Probleme? Ist das wirklich der richtige Weg? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch, das den Leser zum gründlichen Nachdenken herausfordert und die Verantwortlichen zum Handeln. Doch das verlangt Mut, und auch das wird mit diesem Buch klar.

 

Offenbar haben Straftaten in den postmodernen Gesellschaften im Laufe der letzten Jahrzehnte stark zugenommen. Zudem scheint die Rechtsprechung nicht mehr nach der einfachen Formel „Vergehen führt zu Strafe“ zu funktionieren. Menschen, die durch die Folgen von Gloablisierung, durch die Deregulierung der Wirtschaft, die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen und den Rückbau der sozialen Sicherung auf dem Weg des sozialen Abstiegs sind, scheinen überdurchschnittlich häufig vor Gericht zu stehen, sich häufig in den Maschen des Gesetzes zu verfangen. Vor allem in den USA, doch vermehrt auch in Europa zeichnet sich ein neues Regime sozialer Ungleichheit ab: Polizei und Justiz scheinen die Bevölkerung vor allem jener Viertel zu „befrieden“, in denen heftige Gegenreaktionen auf die aktuelle ökonomisch diktierte moralische Ordnung aufkeimt. Diese neue Strategie der Ausgrenzung ist eine Erfindung der USA, als Antwort auf die sozialen und ethnischen Reaktionen auf die neoliberale Revolution. So bringt dieses Buch die Leser/Innen zunächst in die Gefängnisse der USA. Der Autor zeigt eindrucksvoll wie die Unterschicht im Zeitalter fragmentierter und instabiler Arbeitsbedingungen nicht allein vom wohlwollenden und schützenden Arm des Wohlfahrtsstaates behütet wird, sondern wie der aggressive und harte, der strafende Staat sie begleitet. Der Autor zeigt darüber hinaus, wieso dieser Kampf gegen Kriminalität die neue soziale Frage einerseits bedingt, andererseits zu verdecken sucht.

 

So liefert dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Analyse von Staat und Gesellschaft im Zeitalter des neoliberalen Siegeszugs. Doch der Band zeigt auch einen Weg aus dieser schon beinahe pornographisch anmutenden Begeisterung von Strafe, das die politischen Eliten in aller Welt dazu verleitet, die Gefängnisse als soziale „Staubsauger“ zu verwenden, deren Aufgabe es ist, die hässlichen Überreste der Überflüssigen der neoliberalen Gesellschaft verschwinden zu lassen.

 

Die Geschichte bleibt nicht außen vor, denn das, was sich heute zeigt, ist in Jahrhunderten und vor allem rasch in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Ob immer zum Richtigen hin, da zweifelt der Autor und warnt. So geht er auch mit dem „Elend des Wohlfahrtstaats“ ins Gericht, mit der Bestrafung der Armut in der Ära nach den Ghetto-Unruhen, grausige Vokabeln wie Rassenstaat, Kerker und Kandare lassen Gänsehaut aufkommen. Dann beschäftigt er sich mit dem „großen Wegsperren des Fin de Siècle“, mit dem immer engmaschigeren, immer weiter ausholenden Strafverfolgungsnetz sowie dem „Einzug des starken Staates für Gefängnisse“.

 

Weiter stellt er die Frage, ob das Gefängnis als „Ersatzghetto“ dienen könne, um das „schwarze Subproletariat einzusperren“. Dann wieder eine Frage: „Schwindende Kriminalität als verdienst der Polizei?“ Aggressiv lautet sein Kapitel „Wegsperr-Verirrung à la française“ oder gar „Das Gefängnis als Staubsauger für »Sozialmüll«“. Wacquant rundet sein umfangreiches Werk mit der soziologischen Bestimmung des Neoliberalismus ab.

 

Dieses Buch liefert einen wichtigen Beitrag die aktuellen Situationen in den einzelnen Staaten zu überdenken und mitzuhelfen, die zumeist unglaublichen Missverhältnisse zu ändern, soweit das dem einzelnen möglich ist. Wer sich Politiker nennt, der sollte dieses Buch gelesen haben und dann reden und handeln.

 

Bisherige Stimmen zu diesem Buch:
... atemberaubend spannend und in der Diagnostik faszinierend...

Prof. Dr. Hans Peter Henecka

 

„Freunde des neoliberalen Minimalstaats werden zu Agenten des strafenden Maximalstaats, wenn sie es mit Verlierern zu tun kriegen. Loïc Wacquant legt eine monumentale Studie über das Bestrafen der Armen vor.“

literataz, 15. Oktober 2008

 

 

„This powerful book shows that America’s harsh penal policies are of a piece with our harsh social policies, and that both can be understood as a symbolic and material apparatus to control the margin­al populations created by neoliberal globalization. A tour de force! “

Frances Fox Piven, Autor von regulating the Poor and Challenging Authority

 

 

Über den Autor:

Prof. Loïc Wacquant (1960) ,Professor für Soziologie an der University of California, Berkeley, und Wissenschaftler am Centre de sociologie européenne, Paris.W acquant hat zahlreiche Werke zu vergleichender städtischer Marginalität, Embodiment, Strafverfolgungsstaat, ethnisch-rassischer Herrschaft und Gesellschaftstheorie veröffentlicht, die in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurden.
Auf Deutsch erschienen unter anderem: Reflexive Anthropologe (mit Pierre Bourdieu, Suhrkamp, 1996), Elend hinter Gittern (UVK, 2000), Leben für den Ring (UVK, 2003) und Das Janusgesicht des Ghettos (Birkhauser, 2006). Er ist Mitbegründer und Herausgeber der interdisziplinären Zeitschrift Ethnography.

Wacquant, Loïc
Bestrafen der Armen
Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit.
Aus dem Französischen von Hella Beister
Verlag Barbara Budrich – www.budrich-verlag.de
Opladen & Farmington Hills, MI 2009
978-3-86649-188-5
Erscheinungsjahr: 3/2009
360 Seiten
Sprache: DE
29,90 €

Publikationstyp: Buch paperback Kategorien: > Diskussion

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Beitragsdatum: 30. November 2009