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Berlin - Siedlungen der Moderne UNESCO-Weltkulturerbe

Ein absolutes Novum: Zeugnisse des sozialen Wohnungsbaus auf die Welterbeliste gesetzt

Berlin kann sich nun über eine dritte Welterbe-Position freuen nach der preußischen Residenzkultur des 18. Jahrhunderts und der Museumsinsel aus dem 19. Jahrhundert. Hocherfreut reagierten die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und das Landesdenkmalamt Berlin, als sechs der Berliner Siedlungen der Moderne im vergangenen Sommer am 7. Juli 2008 in der 32. Sitzung des Welterbe-Komitees in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen wurden. Die Berliner Senatorin Ingeborg Junge-Reyer hatte den Antrag dazu bereits 2006 gestellt.

In die Architektur integrierte der Architekt Bruno Taut die Topographie mit dem namensgebenden Hufeisen um einen eiszeitlichen Pfuhl. © Deutsche Wohnen AG 


Im Jahre 1990 waren Potsdam und Berlin - Preußische Schlösser und Gärten und dann im Jahre 1999 Berlin - Die Museumsinsel in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen worden. Und nun die dritte Welterbe-Position: Berliner Siedlungen der Moderne. Diese sechs Siedlungen wurden zwischen 1913 und 1934 gebaut, in einer Zeit, als bezahlbare Wohnungen für viele Menschen in dieser Stadt schwierig zu finden waren. Hinzu kam, dass die Architekten dieser Siedlungen auf höchstem architektonischem Niveau Antwort auf diese Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg gaben, nämlich moderne, bezahlbare Wohnungen mit Küchen, Bädern, Balkonen in Häusern ohne Hinterhof und Seitenflügel. Licht, Luft und Sonne, das waren die Vorbilder einer neuen Formensprache für moderne Siedlungen, die für das gesamte 20. Jahrhundert galten. Denn bis dahin mussten viele Arbeiterfamilien mit Kindern in einem Raum oder gar in einer Kellerwohnung leben, düster, ohne Wohnkomfort, kein Bad, und oftmals war dies auch die Stätte für Heimarbeit – Berliner Mietskasernen um 1900. Also repräsentierten diese neuen Siedlungen einen sozial orientierten Beitrag und eine Lösung der großstädtischen Wohnungsfrage und Miethausreform für Arbeiter und das Kleinbürgertum: Öffentlich statt privat, sozial statt spekulativ, komfortabel statt eng, hell statt dunkel, luftig statt stickig, hygienisch statt ungesund – dies war die Interpretation der „neuen Architektur“.

Somit zählen diese sechs als Welterbestätten nominierten Siedlungen der Berliner Zwischenkriegsmoderne zu den Schlüsselzeugnissen des sozialen Wohnungsbaus im 20. Jahrhundert überhaupt, auch im internationalen Vergleich. So wundert es denn heute niemanden mehr, dass Berlin in den 20er Jahren als Stadt der modernen Architektur für Furore sorgte und sich damit in das Buch der Weltarchitekturgeschichte schrieb. Nach Paris war Berlin die zweite Kunstmetropole Europas, in der interessante Werke durch talentierte Architekten entstanden.

Und nun in Berlin ein „moderner Wohnungsbau“, eine Verbindung von Kunst und Leben. Der Architekt Bruno Taut, der mit zu den Architekten der Berliner Moderne zählt, formulierte seine Idee 1918: „Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuss weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluss der Künstler unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel. Fortan ist der Künstler allein als Gestalter des Volksempfindens verantwortlich für das sichtbare Gewand des neuen Staates. Er muss die Formgebung bestimmen, vom Stadtbild bis hinunter zur Münze und zur Briefmarke.“

In die Welterbeliste wurden aufgenommen:

1.) Gartenstadt Falkenberg (Treptow), erbaut 1913-15 von Bruno Taut, Freiflächen von Ludwig Lesser.

Die Gartenstadt Falkenberg ist die Älteste der sechs Siedlungen mit ihrem auffälligsten Merkmal, nämlich ihrer expressiven, fröhlichen Farbigkeit. ©Berliner Bau und Wohngenossenschaft 


2.) Schillerpark-Siedlung (Wedding), 1924-30 erbaut von Bruno Taut und Franz Hoffmann, Teilwiederaufbau 1951 von Max Taut und erweitert 1954-59 von Hans Hoffmann.

Die Siedlung Schillerpark ist Bruno Tauts erstes großstädtisches Wohnprojekt im Berlin der Weimarer Republik, wobei er sich hier auf die moderne Architektur Hollands bezieht bis hin zur Materialwahl der Backsteinbauten Amsterdams. © Berliner Bau- und Wohngenossenschaft 


3.) Großsiedlung Britz-Hufeisensiedlung (Neukölln), 1925-31 erbaut von Bruno Taut und Martin Wagner, Freiflächen von Leberecht Migge. Die Großsiedlung Britz-Hufeisensiedlung mit „Rote Front“ an der Fritz-Reuter-Allee ist auf den Flächen des ehemaligen Rittergutes Britz entstanden und bot Wohnraum ab 1925 für 5000 Menschen.

Diese Großsiedlung entstand auf dem Gebiet eines alten Rittergutes Britz. genannt. © Deutsche Wohnen AG

 

4.) Wohnstadt Carl Legien (Penzlauer Berg), 1928-30 erbaut von Bruno Taut und Franz Hillinger.

Die Wohnstadt Carl Legien wurde nach dem ersten Vorsitzenden des 1919 gegründeten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes benannt. Sie liegt am nächsten zum Stadtzentrum und grenzt an die dicht bebauten Gründerzeitbauten. © Pirelli RE 


5.) Weiße Stadt (Reinickendorf), 1929-31 erbaut von Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Salvisberg, Siedlungsgrün von Ludwig Lesser.

Weiße Stadt ist eine Großsiedlung mit offener Binnenstruktur aus Rand- und Zeilenbauten sowie ineinander fließenden Grünflächen. ©Deutsche Wohnen AG 


6) Großsiedlung Siemensstadt (Charlottenburg und Spandau), 1929-31 erbaut von Otto Bartning, Fred Forbat, Walter Gropius, Hugo Häring, Paul Rudolf Henning, Hans Scharoun, Freiflächen von Leberecht Migge.

Zeitgleich mit der Weißen Stadt wurde die Siemensstadt gebaut, die aber das noch modernere Modell einer aufgelockerten, mit viel Grün versehenen Stadt ist, denn alter Baumbestand blieb erhalten, um den landschaftlichen Charakter der Anlage zu betonen. © Deutsche Wohnen AG 


Ausgewählt wurden diese sechs Siedlungen darum, weil sie besonders authentisch die sozialreformerischen Anstrengungen der Weimarer Republik verdeutlichen. Als Gegenmodell zur privatwirtschaftlichen Bauspekulation mit ihren Mietskasernen sollten sie eine neue Architektur für eine neue Gesellschaft entwickeln. Ästhetische Vorstellungen der Avantgarde aus Kunst und Architektur verbanden sich dabei mit den sozialen Ideen der politischen Linken.

Die Berliner Senatorin Junge-Reyer argumentierte für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste: „Der soziale Wohnungsbau bildete eine zentrale Bauaufgabe des 20. Jahrhunderts – es war an der Zeit, herausragende Beispiele dieser Epoche in die Welterbe-Liste aufzunehmen“. Ohnehin hatte die UNESCO in den vergangenen Jahren dazu aufgerufen, auch Zeugnisse der Moderne für das Welterbe zu nominieren. Das ist nun in Berlin geschehen.

Dass dies nun geklappt hat, beurteilte die Senatorin damit, „dass die außerordentlich breite Unterstützung, die der Antrag auch außerhalb der Expertenkreise erhalten hatte, bei der UNESCO einen sehr positiven Eindruck hinterließ“. Wörtlich erklärte sie weiter: Berlins dritte Welterbe-Position verdanken wir einer einzigartigen Teamleistung. Betonen möchte ich vor allem das Engagement der Siedlungs-Eigentümer, die sich zur «Initiative Welterbe» zusammengeschlossen haben. Die UNESCO kann sich sicher sein, dass dieses deutsche Welterbe in besten Händen ist.“ Und: „Nie zuvor wurden normale Wohnsiedlungen für die Welterbe-Liste vorgeschlagen. Wenn statt barocker Schlösser oder gotischer Dome das eigene Umfeld derart geadelt werden soll, verleiht das natürlich der fernen Entscheidung fremder Denkmalexperten eine sehr persönliche Bedeutung.“

 

Ansprechpartner für die Siedlungen der Berliner Moderne:

Landesdenkmalamt Berlin

Dr. Christine Wolf
E-Mail: christine.wolf@senstadt.berlin.de

 


www.initiative-welterbe.de
www.stadtentwicklung.berlin.de
www.unesco-welterbe.de
www.unesco.de

www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/download/telefonliste_udaemter.pdf
www.unesco.org
www.deutschland-tourismus.de

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Beitragsdatum: 2. Oktober 2009