Skip to main content

Ausstellung: Rom und die Barbaren

Rom und die Barbaren - Europa zur Zeit der Völkerwanderung in der Bundeskunsthalle

Plakat Bundeskunsthalle

Plakat Bundeskunsthalle


Die Langobarden - Das Ende der Völkerwanderung im Rheinischen Landesmuseum Bonn



Plakat Rheinisches Landesmuseum

Plakat Rheinisches Landesmuseum

 Von Dorothea F. Voigtländer

Spannend sind diese beiden Ausstellungen, die mit einem gemeinsamen Rahmenprogramm die unterschiedlichsten Themenbereiche tief ausleuchten. Es sind zwei überaus sehenswerte Ausstellungen, die eine in der Bundeskunsthalle, die andere im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Die Bundesstadt Bonn wird weiter "bevölkert". Die Völkerwanderung hat Bonn erreicht, die Römer waren mit ihrem Kastell seit 39/38 v. Chr. ohnehin schon da, im Zentrum der Stadt, wo heute der Marktplatz immer noch das Herzstück der Stadt ist. Ein spannendes Thema präsentiert mit einer umfangreichen Ausstellung die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland bis zum 7. Dezember 2008: "Rom und die Barbaren - Europa zur Zeit der Völkerwanderung", als ganz Europa sozusagen auf die Reise ging. Was sich da in jener Zeit tat und welche Auswirkungen das bis heute hat, wird mit dieser Ausstellung deutlich und im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich.

Europa zur Zeit der Völkerwanderung, das war sicherlich eine spannende und manchmal auch beängstigende Zeit, die sich über fast vier Jahrhunderte hinzog. Es gab Kriege, Umverteilung von riesigen Landschaften, große kulturelle Unterschiede klafften auf und trugen nicht immer zum Frieden bei. Andererseits bereicherten sie aber auch wieder das Gesicht Europas, das sich damals im raschen und stetigen Wandel befand.

Um das zu verdeutlichen, werden mit einer animierten Europakarte die Wanderbewegungen und Kriegszüge einzelner Völker exemplarisch in beiden Ausstellungshäusern nachgezeichnet. Wer es noch nicht wusste, der weiß nun, dass die Langobarden von Norden kamen, aus dem nördlichen Elbgebiet und sich dann nach Süden wandten, dann wieder in den Balkanbereich hinein, bis sie sich schließlich in Ober- und Mittelitalien festsetzten. Abenteuerliche Wege zeichnen auch die Burgunder, die nicht von Anfang an im Burgund zu finden waren, die auch weiter südlich ihre neuen Ansiedelungen fanden und weiter bis nach Spanien. Das sind nur zwei Beispiele aus der Vielzeit der Völkerwanderungsbewegung aus jener Zeit, die Generationen umfasste. Nicht vergessen werden dürfen die Goten, die Gepiden und schließlich die Hunnen, der Name ihres Anführers und Königs Attila ist ja bis heute immer noch in aller Munde und auch wenn man an das Nibelungenlied denkt!

Silbervergoldete S-Fibel aus einem Frauengrab in Szólád 6. Jh. Rippl-Rónai Múseum, aposvár, Ungarn - Abb.Rheinisches Landesmuseum, Bonn

Silbervergoldete S-Fibel aus einem Frauengrab in Szólád 6. Jh. Rippl-Rónai Múseum, aposvár, Ungarn (Abb.Rheinisches Landesmuseum, Bonn)

Anhand einer Auswahl von rund 1 000 Exponaten - römischer und spätantiker Skulpturen, prachtvollen Waffen und Pferdegeschirren, Schmuck, raffinierten Bernsteinerzeugnissen, Gebrauchsgegenständen und kostbaren Grabbeigaben - greift die Ausstellung die wichtigsten Fragestellungen der Völkerwanderungszeit auf: Wer waren die Hauptakteure des Geschehens und welche Ziele verfolgten sie? Was setzte diese gewaltigen Migrationsströme (das Wort kannte man damals sicherlich noch nicht) in Bewegung und was haben diese bewirkt? Fragen, die nicht zuletzt unter dem Eindruck der jüngeren europäischen Geschichte, die Aktualität des Ausstellungsthemas veranschaulichen. Münzen, Dokumente und künstlerische Meisterwerke wie eine Goldbüste des Mark Aurel können in der Bundeskunsthalle bewundert werden, denn "Rom und die Barbaren", das war einer der größten Krisen Europas. Über 70 Museen haben Leihgaben nach Bonn geschickt und schicken den Besucher seinerseits zurück in die ferne Vergangenheit.

Damit wird dann auch klar, dass die Zeit der Völkerwanderung zu den großen dramatischen Erzählungen der europäischen Geschichtsschreibung gehört. Das bisher als "dunkles Mittelalter" bekannte Zeit wird mit diesen beiden Ausstellungen erhellt, vieles wird bekannt was bisher unerkannt und ungewusst war und erscheint in einem neuen Geschichtsbild. Die neuere Forschung begreift diese bewegte Epoche zwischen der Spätantike und dem Frühmittelalter nicht mehr als einen heroischen "Kampf um Rom", sondern als einen vielschichtigen Transformationsprozess der hellenistisch-römischen Kultur, an dem die Barbaren großen Anteil hatten.

Die Römer, die kennt der geschichtsbeflissene Bürger, aber die Barbaren, das ist immer noch eine wenig bekannte Bezeichnung. Die Römer nannten alle diejenigen, die nicht Römer waren "barbarus". Für sie waren die Barbaren wild, ungebildet, brutal, natürlich trugen sie einen Bart wie die Germanenstämme und die Hunnen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Griechen ihrerseits die Römer auch "Barbaren" nannten. Das war also eine Vokabel für die "Fremden", der Bayer würde heute sagen, die "Zugereisten". Die Griechen nannten übrigens alle, die ihre Sprache, die "Sprache der Götter" nicht sprachen Barbaren, das bedeutete "Stammler".

Der weite geographische Raum zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer wurde zum Ausgangspunkt einer beispiellosen Neuverteilung der einzelnen Völker (beispielsweise Goten, Gepiden, Alamannen, Hunnen) über ganz Europa. Die in mehreren Wellen verlaufende Völkerwanderung besiegelte den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches. Auf seinem Boden entstanden ab dem 5. Jahrhundert romano-barbarische Reiche, die die Kultur Europas im Frühmittelalter entscheidend prägten.

Eine bemerkenswerte Handschrift aus der Stiftsbibliothek von St. Gallen (794) gibt den Textbeginn des im 6. Jahrhundert verfassten "Lex Salica" des Frankenkönigs Chlodwig I. frei. Hiermit präsentiert sich der Merowingerkönig als christianisierter Gesetzesgeber, ein Barbar, der im benachbarten Frankreich als Gründer der "Grande Nation" genannt wird.
So wird mit diesen Ausstellungen eine Brücke geschlagen zwischen der Antike und dem Mittelalter, der Spätantike, bisher eigentlich eher ein 2Niemandsland", das nun mit konkreten Ereignissen und mit Leben erfüllt wird. Bisher diffuse Vorstellungen werden klar, romano-barbarische Königreiche entstanden auf der Basis der römischen Infrastruktur, aber nun auch mit eigenen sozialen und räumlichen Zielen. Hier liegen die Wurzeln Europas, wobei bisher die germanische Kultur in diesem Zusammenhang wenig beachtet wurde und mit diesen beiden Ausstellungen in ihrer tatsächlichen Bedeutung klarer wird.

Die Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn entstand in Zusammenarbeit mit dem Palazzo Grassi, Venedig und der Ecole française de Rome. Sie steht unter der Schirmherrschaft des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, des französichen Präsidenten Nicolas Sarkozy und des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler.

Und dann die Langobarden, das war die Zeit, als die Völkerwanderung zu Ende ging. An einem anderen Ort, nämlich im Rheinischen Landesmuseum in Bonn nahe dem Hauptbahnhof, ist zu diesem Thema ebenfalls eine aufschlussreiche Ausstellung bis 11. Januar 2009 zu sehen, parallel zu der Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle an der Museumsmeile in Bonn (bis 7. Dezember 2008), die thematisch mit derjenigen in der Kunst- und Ausstellungshalle zusammen hängt.


 Byzantinische Goldmünze (654-659), Balatoni Múzeum, Keszethel, Ungarn - Abb. Rhein. Landesmuseum, Bonn

Foto: Byzantinische Goldmünze (654-659), Balatoni Múzeum, Keszethel, Ungarn (Abb. Rhein. Landesmuseum, Bonn)

Die Langobarden sind bis heute eines der rätselhaftesten und faszinierendsten Völker in der europäischen Geschichte. Zum ersten Mal in der Geschichte werden sie im 1. Jahrhundert n. Chr. an der Niederelbe genannt, tatsächlich ein Volk der "Langbärte" (natürlich nur die Männer). Dann verschwinden sie auf unerklärliche Weise für drei jahrhunderte, um dann wieder gegen ende des 5. Jahrhunderts in Ähren und Niederösterreich wieder aufzutauchen und ab 568 für 200 Jahre große Bereiche Italiens eroberte. Wo sie eigentlich herkommen, das bleibt unklar, es wird von sagenhaften Wanderungen aus Skandinavien und Norddeutschland berichtet, dann legt sich wieder ein dunkler Mantel über ihr Schicksal, und das wieder für 300 Jahre und Grund für Sagen, Legend und Geschichten, die durch archäologische Funde nicht belegt werden können. Sicher ist, dass nach Langobarden sich mit der einheimischen Bevölkerung des späteren Italiens vermischte und begründeten so eine nachrömische Gesellschaft. Wer der herrschenden Schicht angehörte, der war ein Langobarde. Dann kam Karl der Große, der sich zum "König der Franken und Langobarden am 5. Juni 774 erhob, was das Ende der eigenständigen Geschichte der Langobarden bedeutete.

Beeindruckende, bisher in Deutschland noch nicht gezeigte Funde und Kunstwerke, erzählen die wechselvolle Geschichte der Langobarden im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. Die Völkerwanderung war zu Ende gegangen. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit gleichnamigem Titel, in dem auf rund 400 Seiten die neuesten Forschungen zu den Langobarden von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland für ein breites Publikum vorgestellt werden. Eine sicherlich spannende Lektüre nach einem Besuch der Ausstellung oder davor, um noch mehr als bisher über dieses geheimnisvolle Volk zu erfahren.
 

 Stadt Bonn
 

Ein nachgebautes römisches Kriegschiff ankert vor Bonn (Foto: Stadt Bonn)

Anlässlich dieser beiden Ausstellungen "Die Langobarden" und "Rom und die Barbaren" ankert Victoria, der Nachbau eines römischen Kriegsschiffs, in Bonn am Alten Zoll: Besichtigungen:
29. und 30. August von 10-16.30 Uhr, 31. August von 10-13 Uhr und 16.30 bis 19 Uhr. Außerdem ist ein umfangreiches Rahmenprogramm und sind Workshopprogramme vorbereitet, um einzelne Themenbereiche noch weiter auszuloten. Übrigens: Das Signet der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn, der Reiter von Stabio wie oben auf dem Plakat zu sehen, kennzeichnet in der Dauerausstellung des Museums die archäologischen Fundstücke aus der Völkerwanderungszeit.

Zur Homepage der Kunst- und Ausstellungshalle

Zur Homepage des Rheinischen Landesmuseums
 

 

zurück zu Bundeskunsthalle Bonn