Geboren am 12. Januar 1797, gestorben am 24. Mai 1848
Annette von Droste-Hülshoff ist eine Schriftstellerin und Dichterin, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat. Sie stammte aus einer alten westfälisch-katholischen Adelsfamilie. Neben Gedichtbänden schrieb sie eine Reihe von Balladen und Novellen, die um das Thema der Zerrissenheit des Menschen zwischen aufgeklärtem Bewusstsein und religiöser Suche kreisen.
Ab 1841 wohnte sie auf Schloss Meersburg am Bodensee, wo sie auch starb. Ihr Porträt war auf dem früheren 20-DM-Schein zu sehen.
Meine Lieder werden bleiben,
wenn ich längst entschwand:
Mancher wird vor ihnen beben,
der gleich mir empfand.
Ob ein anderer sie gegeben,
oder meine Hand!
Sieh, die Lieder durften leben, aber ich entschwand.
Der Knabe im MoorO schaurig ists übers
Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt im Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der
Spalte es zischt und singt,
O schaurig ists übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die
Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die
Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein
zage.
Vom Ufer starret Gestumpf
hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt
und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran! Nur
immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische
Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen! Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine
arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.
Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre wars fürchterlich,
Oh schaurig wars in der Heide!
(Annette von Droste-Hülshoff)
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Für die armen Seelen
Was Leben hat, das kennt die Zeit der Gnade; Der Liebe
Pforten sind ihm aufgetan.
Zum Himmel führen tausend lichte Pfade; Ein jeder Stand hat seine eigne Bahn.
Doch wenn mit Trauer Leib und Seel' sich trennen, Dann, Mensch, ergreif den letzten Augenblick.
Bald kannst du nicht mehr dein die Stunde nennen; Aus deiner Hand entflohn ist dein Geschick.
Wohl dem, der reiches Gut voraus gesendet; Was er gewirkt, das trägt er sich nach Haus.
Doch in dem Sturme, der dein Leben endet, Löscht auch der Prüfung Gnadenfackel aus.
Wie Mancher schied und kennt die Zeit der Reue, Und die Erlösung ist ihm noch so fern!
Wohlan mein Herz, zeig deine Christentreue: Ein gläubig Flehn dringt vor den Thron des Herrn!
O du, der sprach aus seines Dieners Munde: »Es ist ein heiliger und frommer Brauch!
« Das Geisterreich kennt weder Zeit noch Stunde, Doch eine Stunde kennt und hofft es auch.
Mein Vater, sieh auf deine ärmsten Kinder Und denk an sie in ihrer großen Not; Sie waren, was wir sind, sie waren Sünder, Und ihre Gnadenpforte schloß der Tod!
Und haben sie auch deinen Weg verlassen Und haben nicht auf deine Hand geschaut: Ach, ihre Sehnsucht kann kein Leben fassen, Und ihre Reue nennt kein Menschenlaut.
O Jesu, denk an deine bittern Schmerzen Und an den harten Tod am Kreuzesstamm!
Ach, alle trugst du sie an deinem Herzen, Für Alle starb das unbefleckte Lamm!
Eröffne deine heiligen fünf Wunden, Und auf fünf Strömen, glänzend, blutig rot, Send' her dein Kreuz, des mögen sie gesunden, Ein sichres Schiff in ihrer großen Not!
Maria, bitt für sie bei deinem Sohne, Als Himmelsleiter aus dem finstern Reich; Beut ihnen seine blut'ge Dornenkrone, Und nimm sie auf in deinen Mantel weich!
Ihr Heil'gen Gottes alle, helft uns flehen; Sie sind ja eure armen Brüder auch! Herr, laß sie bald dein göttlich Antlitz sehen, Kühl ihre Glut mit deiner Milde Hauch!
Und wenn von denen, die mir teuer waren, Als noch um sie die Erdenhülle lag, Vielleicht noch mancher nicht dein Heil erfahren Noch fruchtlos harrt auf der Erlösung Tag:O Gott, ich ruf' aus meiner tiefsten Seele, Steh ihnen bei, mein Gott, verlaß sie nicht!
Auf ihren Schmerz sieh, nicht auf ihre Fehle; Sieh auf mein einsam trauernd Angesicht!Und ist es möglich, kann man Seelen retten Durch Erdenleid, dem man sich willig beut, Kann ich mein Schicksal an das ihre ketten: Gib deinen Kelch, o Herr, ich bin bereit!Was will doch alles Erdenleiden sagen, Bedenk ich Leid und Freud der Ewigkeit!
Was ich vermag, ich will es gerne tragen; Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit!
(Annette von Droste-Hülshoff) **********************************************************************************************************
An meine Mutter
So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht,
Von deiner Liebe, deiner treuen Weise,
Die Gabe, die für andre immer wacht,
Hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.
Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr,
Und wie ich auch die Reime mochte stellen,
Des Herzens Fluten rollten drüber her,
Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.
So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
Vom einfach ungeschmückten Wort getragen,
Und meine ganze Seele nimm darin;
Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.
(Annette von Droste-Hülshoff)



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