Ein ungewöhnlicher Ballett-Bildband

Ballett ist eine ausgesprochen sinnliche Kunst, die ebenso sinnlich vermittelt sein will. Deshalb sollte ein Ballettbuch den Leser ebenso unmittelbar in den Bann ziehen und darf ruhig eine gehörige Portion Enthusiasmus der Macher verraten, wie es bei dem im Kirchbach Verlag erschienenen deutsch-englischen Fotobildband "aestethic fighters - Tigran Mikayelyan and the Power of Armenian Dancers" geschieht. Thomas Kirchgraber, Fotograf aus Leidenschaft, heftet sich da an die Fersen des derzeit am Bayerischen Staatsballets wirkenden armenischen Top-Balletttänzers Tigran Mikayelyan, der zusammen mit anderen hochkarätigen armenischen Kollegen als "Forceful Feelings" eine Ballett-Gala in Eriwan veranstaltet.
Ein ungewöhnliches Projekt und ein ebenso ungewöhnliches Buch, das weitaus mehr sein will als pure Dokumentation. Denn Thomas Kirchgraber fotografiert nicht nur bei den zwei Gala-Abenden, sondern ist fünf Tage lang bei allen Proben dabei, macht die Aufwärm-Classes mit, um sich perfekt einzustimmen und begibt sich mitten ins Geschehen auf der Bühne. Das eröffnet außergewöhnliche Perspektiven ebenso wie das Gespräch mit Arman Grigoryan und Vahe Martirosyan, beide erste Solisten bei Heinz Spoerli am Zürcher Ballett, Arsen Mehrabyan, Solist bei John Neumeier in Hamburg sowie den als Gästen wirkenden tschechischen Ballett-Zwillingsbrüdern Jiri und Otto Bubenicek. Co-Autorin Ute Fischbach-Kirchgraber, die mit Tigran Mikayelyan Biographisches duchgeht und mit ihm seine Auffassung von Ballett auf den Punkt bringt, findet dabei heraus, dass Balletttänzer keine ätherischen Kunstwesen sind, sondern ganz irdische Menschen, die mit der hohen Kunst ebenso kämpfen wie mit der eigenen Unzulänglichkeit. Was sie auszeichnet, ist jedoch der Wille zur Perfektion und die grenzenlose Bereitschaft, alles zu geben.
Mut ist eine der herausragendsten Eigenschaften eines Balletttänzers. Das zeigt schon die außergewöhnliche Biographie von Tigran Mikayelyan, der als Kind wild entschlossen bei bitterer Kälte in der ob des armenischen Zusammenbruchs nach der Trennung von der Sowjetunion geschlossenen Ballettschule alleine traniniert. Er nimmt sogar kurzfristig ein Boxtraining auf, das er dann aber wieder sein lässt als er entdeckt, dass Balletttanzen seiner Männlichkeit keinen Abbruch tut. Tigran Mikayelyan möchte durchaus eine Botschaft richten an junge Menschen und sie zum Ballett ermuntern, denn da können sie ihre Kräfte kanalisieren und statt auf der Straße zu fighten zu höherer Sinnhaftigkeit vorstoßen.

Dass Äußergewöhnliches in Tigran Mikayelyan steckt, war Ivan Liska, dem Chef des Bayerischen Staatsballetts, schon von Anfang an bewusst, wie er in seinem Vorwort mitteilt. "aesthetic fighters" zeigt daher nicht nur Bilder der Gala in Eriwan, sondern Tigran Mikayelyan auch in seinen schönsten Rollen am Bayerischen Staatsballett. Und so erlauben die opulenten, sorgsam und spannungsreich zusammengestellen Foto-Kapitel einen umfassenden Blick in die Welt des Balletts.
Übrigens geht ein Euro pro Buch an den armenischen Hayastan-Fund, der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, die Ausbildungssituation in Armenien zu verbessern.
Thomas Kirchgraber
"aesthetic fighters - Tigran Mikayelyan and the Power of Armenian Dancers"
Kirchbach Verlag
ISBN 3-927035-03-3
Zweisprachig, deutsch-englisch, 168 Seiten, 96 ganzseitige Abbildungen, weitere 35 Fotos,
durchgängig vierfarbig.
www.aesthetic-fighters.de
35,00 Euro
Beitragsdatum: 12. Oktober 2009
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